Die Loveparade 2010 macht statt mit guter Musik, Laune und Bildern von freudigen Menschen mit genau dem Gegenteil Schlagzeilen. Bisher 19 Tote und mehr als 340 Verletzte soll es gegeben haben. Ich schätze, wie Ingo, dass es noch mehr Tote geben könnte, da unter den Verletzten mitunter Schwerverletzte sind.
Jetzt fragt das halbe Netz: “Warum?” und “Wie?”. Zu Recht.
Eine der wichtigsten Fragen ist die dritte, die Ingo stellt:
Reicht es, von Offiziellen der Loveparade zu hören “Herabfallende und hochkletternde Menschen waren in unserem Sicherheitskonzept nicht vorgesehen”? Wieso war so etwas nicht vorgesehen? Muss ich bei einem 20 Meter breiten und 200 Meter langen Tunnel, welcher der einzige Zu- und Abgang zum Veranstaltungsgelände war, nicht damit rechnen, wenn ich weiss, diese Veranstaltung wird von über 1 Million Menschen besucht? Zumindest damit war ganz klar zu rechnen.
Es muss in einem Sicherheitskonzept berücksichtigt werden, dass die Menschen auf der Loveparade unsichere, irrationale Dinge tun. Sicher, man kann nicht alles berücksichtigen, doch kletternde Menschen sind gerade auf Großveranstaltungen die Regel. Schon allein auf der Fanmeile in Berlin, wo nur die Laternenmasten und Ampeln zum Klettern einladen, tun es Menschen. In einem Fall, den ich vor einigen Wochen mehr oder weniger beobachtete, fiel der Betreffende von der Ampel auf eine Absperrung und riss sich das Bein auf. Aber er konnte schnell zu einem Versorgungszelt transportiert werden und ich schätze, es verlief alles gut. Warum wird so etwas im Sicherheitskonzept der Loveparade nicht berücksichtigt?
Ein Tunnel, ist für eine Gruppe von Menschen nie der beste Ort, schon gar nicht, wenn sie hindurch müssen.
Ingos erste Frage wiegt aber mindestens genauso schwer:
Wie kann man eine Veranstaltung auf einem abgeschlossenen Gelände für maximal 350.000 Menschen planen, wenn ich damit rechnen muss, daß mehr als eine Million Menschen (insgesamt) erscheinen werden? Wie kann ich ausschließen, daß dies nicht zu enormen Problemen führt?
Es ist nicht nur so, dass man mit mehr als 350.000 Menschen gleichzeitig rechnen könnte. Es ist vor allem die Situation mit dem Tunnel, die völlig irrsinnig erscheint.
Die dpa weist dazu auf einen (bzw. mehrere) Kommentatoren auf DerWesten.de hin, die schon vorher kritisierten, die Veranstaltungsplanung hätte eklatante Fehler. Der Nutzer “klotsche” schrieb:
sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen? also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten? ich fass es nicht!!!! ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen
Und genau das hätte ich auch gesagt, hatte aber die Planungen überhaupt nicht verfolgt. Der Landesvorsitzende der nordrhein-westfälischen Deutschen Polizeigewerkschaft Erich Rettinghaus erinnert sich an Warnungen aus Polizei- und Feuerwehrkreisen:
Im Vorfeld der Love Parade haben Polizei und Feuerwehr Vorbehalte geäußert. Bereits vor einem Jahr gab es Stimmen, dass der Veranstaltungsort eigentlich ungeeignet sei.
Es ist leicht abzuurteilen, dass man alles hätte vorher wissen können, ich weiß. Doch wenn ein Spezialist, der das Sicherheitskonzept mit entwickelt hat, äußert, es sei nicht mit kletternden Menschen zu rechnen gewesen, stelle ich seine Expertise in Frage. Jeder Mensch, der schon einmal etwas mit Großveranstaltungen zu tun hatte – sei es Fußball, Musik oder sonstiges – sollte beobachtet haben, dass die Menschen auf alles gern raufklettern. Und mit einer starken Enge im Zugangsbereich und dazugehörigem Stressaufkommen war ebenfalls zu rechnen.
Nun ist dadurch die Loveparade gestorben für die – zumindest bisher so scheinende – Unfähigkeit des Veranstalters. Dieser hat nämlich verkündet, sie werde nie wieder stattfinden, auch die Veranstaltung im nächsten Jahr in Gelsenkirchen wurde abgesagt. Ingo ist der Meinung, die elektronische Musik hätte Schaden genommen. Ich denke, sie hat an Image nicht verloren, doch sie hat eine große Veranstaltung verloren, was sich schwächend auswirken wird. Die Loveparade war ein Event, das doch Beachtung fand – wenn sie auch schon dadurch an Image verloren hatte, dass McFit eingestiegen war und sie “nur” noch kommerziell betrieben wurde.
Was mir noch bleibt zu sagen: Mein Beileid allen Opfern und Angehörigen.
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