Zitat des Tages (21) – Natur als Symbol

Es erscheint, mit einem Wort, schlichtweg als »vernünftig«, Sterne und Berge, Erdbeben, Apfelbäume und Rosen ebenso wie Fische und Fliegen und eine Unzahl anderer Dinge, die allesamt völlig verschieden voneinander sind, unter einem vereinigenden Oberbegriff zusammenzufassen und entsprechend wahrzunehmen – als »Natur«. Jeder vernunftbegabte Mensch, so scheint es, kann unschwer und im Handumdrehen den einheitlichen Charakter dieser großen Fülle verschiedenartiger Objekte erkennen, einfach aufgrund einer angeborenen Verstandeskraft oder seiner eigenen Sinneserfahrungen. Ein Mehltau des Vergessens, eine kollektive Verdrängung versperrt den Blick für die lange Wissensentwicklung, die nötig war, bevor Menschen die Einheit in der Vielfalt der Dinge sehen und ihrer sicher werden konnten und bevor sie einen übergreifenden Begriff als deren Symbol auszubilden vermochten.

Norbert Elias: Über die Natur

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4 comments


  1. Akim

    Das ist eine interessante These, die mich auf die Frage bringt, wann, wie und unter welchen Umständen “Vernunft”/Verstand überhaupt entstanden ist.
    Wann ist ein Gedanke schon ein “vollständiger” Gedanke?
    Haben wir vielleicht schon eine grundsätzlich andere Wahrnehmung als frühe Vorfahren?
    Welche Rolle spielt die Gesellschaft hierbei?

    Fragen, die nach Antworten schreien! :)

  2. Ich kann dir nur empfehlen, seine These genauer zu lesen. Ich habe sie nur teilweise zitiert, weil sie sonst zu lang wäre.
    Es geht Elias darum, zu zeigen, dass ein verklärender Begriff von “Natur” (im Sinne von “natürlich”) unangebracht ist. Dieser Begriff erklärt das “Natürliche” schlichtweg als “gut”, “friedlich” und “dem Menschen zuträglich”, was völlig vergisst, dass die Natur keineswegs “friedlich” ist und dem Menschen auch nicht immer zuträglich. Natur wird von den Menschen häufig als etwas “anderes”, etwas der eigenen Lebenswelt Entrücktes wahrgenommen, vor allem von Städtern wird sie in dieser Weise nur unter einem Begriff zusammengefasst.

    Wenn du die Zeit findest: Lies den Text! :)

    Deine Fragen schreien natürlich nach Antworten! Zumindest eine kann ich dir im Sinne Elias’ Aussagen geben: Wir haben eine grundsätzlich andere Wahrnehmung als frühere Vorfahren, das dürfte klar sein.

  3. Akim

    Nach mehrmaligem Lesen bleibe ich bei meiner Deutung, dass Elias das Phänomen vor allem rein sachlich beschreibt. Von deiner Behauptung, er möchte den “verklärende[n] Begriff von ‘Natur’” als unangebracht herausstellen, kann ich in der Textstelle jedenfalls nichts erkennen. Meiner Meinung nach wird lediglich bemerkt, dass das heutige Verständnis von Natur und das Erkennen von gewissen Gemeinsamkeiten einen langwierigen Prozess voraussetzt, der uns heute nicht mehr klar ist (“Mehltau des Vergessens”).

    Vielleicht sollte ich aber auch bei Gelegenheit den gesamten Text lesen. Wie lang ist er und wieviel bzw. was kann ich davon erwarten?

  4. Völlig richtig. Ich beschreibe auch nur, was Elias in dem ganzen Text versucht auszudrücken.

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