Der Artikel von Spreeblick stimmte mich nachdenklich. Schon länger beschäftigt mich das Thema, wie man notleidenden Ländern nachhaltig hilft. Denn seien wir ehrlich: Wenn einem Land oder einer Region eine Naturkatastrophe widerfährt, wird erst einmal gespendet, gespendet, gespendet. Erstens einmal schön zweckgebunden, was wenig hilft, da man mit dem Geld nur direkt Wiederaufbauhilfe leisten darf. Das heißt: Primäre humanitäre Leistungen wie Medikamentenversorgung, Nahrunsmittel, Organisation im Hintergrund dürfen mit dem Geld nicht finanziert werden. Dann steht auch noch das Argument im Weg, man kauftesich mit der Spende nur sein Gewissen rein. Viel gekonnt hätte man damit noch nicht. Das kann blockieren, aber man kann es ausblenden. Letztlich ist es nichts Schlimmes, sich ein reines Gewissen zu schaffen, da die Intention die Hilfe ist. Und Hilfe kann damit geleistet werden, selbst wenn die moralische Bewertung an dem Punkt “egoistisch” sein könnte. Wenden wir das Argument erst einmal folgendermaßen ab: Wenn man findig genug ist, kann man in jedem moralischen Motiv ein egoistisches direkt oder indirekt (psychologisierend) hineindeuten. In geschickt gebauten moralischen Systemen gibt es Altruismus praktisch nicht. Daher ist das Argument, man kaufe sich sein Gewissen nur rein, nicht hinreichend, um vollständig gegen Spenden zu sein.
Gut, setzen wir also voraus, dass man nicht zweckgebunden spendet, um den Hilfsorganisationen alle denkbaren, sinnvollen Möglichkeiten offen zu lassen. Dann spendet man einmal. Erstens reicht es sowieso meistens hinten und vorn nicht (wobei natürlich trotzdem jede [Geldeinheit] hilft!), zweitens ist damit oft nur kurzfristig geholfen. Zudem gerät die Katastrophe nach einiger Zeit auch in Vergessenheit, der Aktionismus ebbt ab. Die Länder, die es trifft sind nicht selten Entwicklungsländer, die so oder so eine schwache Infrastruktur, Wirtschaft sowie korrupte Regierungen haben. Mit einer Regierung, die Hilfsgelder anderer Staaten auch noch mies verwirtschaftet oder gar veruntreut, hat man mit Staatshilfen also auch nicht viel gewonnen.
Die Frage ist: Was tun? Was soll man als Mensch tun, wenn man von solchen Katastrophen hört?
Ein Freund von mir war 2004 während der Tsunami-Katastrophe von Südostasien als Englisch-Lehrer (für Kindergartenkinder!) in Thailand. Nachdem er davon gehört hatte, entschied er sich, am Wochenende, wenn er nicht arbeiten musste, nach Bangkok oder in dessen Nähe zu fahren (4 Stunden Fahrt, wenn ich mich recht entsinne!) und dort direkt zu helfen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch Albert Schweitzer: Nachdem er 1899 in der Philosophie und 1901 in der Theologie promoviert sowie 1902 in der Theologie habilitiert hatte, war er Professor in Straßburg und angesehener Organist. Doch dann wählte er seine wirkliche Aufgabe: Er studierte ab 1905 Medizin (was ihn nicht davon abhielt, weiter zu dozieren und 1908 eine Bach-Monografie zu veröffentlichen), mit dem Ziel, nach Afrika zu gehen und dort als Arzt tätig zu sein. Er sah es als seine Lebensaufgabe an, Menschen zu helfen.1 Ein ähnlicher Gedanke beschleicht auch mich immer wieder, wenn ich an Hilfe für Länder wie Haiti, Thailand oder Indonesien denke: Eigentlich sollte man all seine Kraft investieren2 und diesen Ländern direkt helfen. Hinreisen, mit aufbauen. Geld mitbringen, Essen, Medikamente, ein Auto.
Doch ist es eine schwere Entscheidung. Es gibt ebenso viele Gegenargumente, denn man hat beispielsweise auch eigene Ziele. Was wiegt schwerer – das eigene Ziel, erfolgreicher Komiker, Verwaltungsfachangestellter, Musiker, Anwalt oder Dachdecker zu sein oder die Hilfe für Katastrophengebiete? Es ist schwierig und ich persönlich lasse dort jede Entscheidung gewähren. Eine schwierige solche ist es dennoch.
- Das zeigt sich auch in seiner Ethik der “Ehrfurcht vor dem Leben”, die er in der Zeit seiner Doktorentätigkeit in Afrika entwickelte und später auch dozierte. [↩]
- sofern man dazu in der Lage ist; Medizin kann nunmal nicht jeder studieren. Doch es gibt noch viele andere hilfreiche Tätigkeiten in diesen Ländern. [↩]

Ich denke, dass es die zielführendste Alternative ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu liefern. Gerade plumpe Geldleistungen erreichen eben – wie bereits im Artikel angedeutet – nicht die eigentlichen Adressaten. Zudem ist denen eine vernünftige Sachleistung wahrscheinlich allemal willkommener. So bringt es wohl wenig, Geld zu spenden, wenn mit diesem Geld (v. a. in Mangelwirtschaften der ärmsten Länder) gar nichts gekauft werden kann.
Es darf zudem vermutet werden, dass das blinde Spenden nur noch mehr Schaden anrichtet; nämlich dann, wenn es als gönnerhafte Almosenverteilung wahrgenommen wird. Der Bespendete verkommt – wenigstens in seiner individuellen Wahrnehmung – dann schnell zum Bettler.
Was es bräuchte, sind also eher Sachleistungen in Form von Expertenwissen, fachmännischer Arbeitsleistung gekoppelt mit finanziellen Mitteln. Allein logistisch ist die Idee, der Einzelne möge sich aufmachen, um zu helfen natürlich rein theoretischer Natur. Man stelle sich den – jedenfalls hypothetisch – möglichen Fall vor, alle Spender wären direkt in das betroffene Land gereist. Das hätte schon der Ausbreitung von Seuchen überhaupt erst eine wunderbare Grundlage verschaffen.