4 responses to “Was kommt vor dem Leben?”

  1. Agent Fishgang

    Viele Probleme sind recht simpel – so auch dieses. Das Christentum benötigt kein Vor-dem-Leben, gerade weil es teleologisch ist. Nimmt man dann noch dazu, dass die Renaissance des Trecento/Quatrocento die Vorstellung eines Fortschrittes der Menschheit geprägt hat, wird m. E. schnell klar, weshalb die “westlichen Glaubensansichten” sehr gut ohne ein “Vorseits” auskommen.

    Viele Probleme sind allerdings recht komplex – so auch dieses. Die antike Idee der Zirkularität vor allem der Geschichte (ich bin ein ausgesprochener Fan dieses Konzeptes!) bringt da schon etwas mehr Schwung in die Angelegenheit; die Etikettierung “westlich” scheint mir ohnehin nicht haltbar. Das explizit messianische Christentum, dessen ureigenster Gag ja in der Jenseitigkeit liegt, hat vielmehr, oftmals in synkretistischer Manier, die vorherigen religiösen Vorstellungen verdrängt bzw. überlagert. Unter dem Stichwort “Pfadabhängigkeit” kann daher vermutet werden, dass unser Kulturraum im Grunde gar keine Möglichkeit einer umfassenden und insbesondere ausgereiften Vorstellung vom “Vorseits” haben kann, was, nebenbei bemerkt, nicht notwendig schlimm sein muss.

  2. Agent Fishgang

    Nein ;). Ich habe versucht auf eine Alternative zu kommen, aber das funktioniert nicht, weil immer etwas passendes ausgeschlossen oder etwas unpassendes eingeschlossen wird. Bspw. “Industriestaaten”, doch dazu gehören auch Südkorea bzw. Japan. “Judäo-christlich” greift zwar den Kulturraum recht gut, lässt aber den religiös systematisch ähnlichen Islam außen vor.
    Ich fürchte, dass man um eine Klassifizierung jenseitig vs. “vorseitig” nicht herumkommt, was eine mehr oder minder genaue Kenntnis der einzelnen Religionen benötigt. In der Konsequenz müsste jede Glaubensrichtung präzise angeschaut werden, um sie einem der beiden Pole zuzuordnen. Methodisch ist das völlig problemfrei, nur in der Praxis ist es wohl schwer, alle unterschiedlichen Richtungen zu erfassen, zumal allein auf christlicher Seite in den USA um die 1200 Sekten und Splittergruppen ihr (Un-)Wesen treiben. Eine praktikable Aufstellung der “Verwandtschaftsverhältnisse” könnte brauchbare Cluster zu Tage fördern, die recht simpel zu typologisieren wären.
    Bei dem Versuch würde vermutlich klar, dass die religiöse Welt nicht in HImmelsrichtungen aufgeteilt ist. Warum diese und jene Idee gerade hier und dort entstanden ist, sollten dann Religionswissenschaftler erklären (können).
    Die laienhafte Hypothese ist vielleicht zu simpel und aus der Hüfte geschossen, aber u. U. begünstigt (nota bene: als nur ein Faktor) eine Unerschöpflichkeit suggerierende Umwelt vorseitige Vorstellungen (Hinduismus) und karge Lebensverhältnisse jenseitsorientierte Religionen (abrahamitische Konfessionen).

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