Was kommt vor dem Leben?

Vor einigen Jahren hatte ich einmal eine Unterhaltung mit einer Freundin. Wir waren (und sind) unterschiedlicher Glaubensauffassungen – sie christlich-protestantisch1 , ich agnostisch – aber wir beide stellten uns die gleiche Frage: Was ist eigentlich mit der Zeit vor dem Leben? Den Zustand nach dem Leben nennt man Tod und der wird mit verschiedensten Jenseits-Vorstellungen angefüllt. Himmel, Hölle, 72 Jungfrauen usw. Doch was ist vor der Geburt?

Die Buddhisten und Hinduisten haben sich einen Kniff ausgedacht mit Samsara2, Atman/Brahman, Nirwana und Karma. Wenn man gutes oder schlechtes Karma anhäuft, wird man wiedergeboren. Wenn man bestimmte Erlösungsstufen (im Buddhismus) erreicht hat, wird man nicht wiedergeboren. “Nirwana” bezeichnet hier aber keinen Ort wie eine westliche Vorstellung des Jenseits, sondern es kann auch schon während des Lebens eintreten. Der Kreislauf der Wiedergeburten ist also das Konzept, das hier abhilft, wird aber explizit nicht räumlich oder begrifflich beschrieben. Es sei überbegrifflich, übersinnlich, sagt man in den Lehrbüchern – im wahrsten Sinne des Wortes metaphysisch. Wie man es als Mensch erkennen soll, habe ich mir noch nicht erklären können, das sei aber an anderer Stelle Thema. Dazu müsste ich auch noch weiter in die buddhistische oder hinduistische Lehre einsteigen.

Was macht man also mit dem Abschnitt vor dem Leben? Wie nennt man ihn? Meine Freundin und ich sind damals zu keinem Ergebnis gekommen, aber wir fanden die Überlegung ganz interessant. Ich finde es zudem bemerkenswert, dass sich westliche Glaubensansichten hauptsächlich mit dem Abschnitt nach dem Leben beschäftigen, quasi zukunftsorientiert, sich jedoch überhaupt nicht mit dem Davor auseinandersetzen. Gibt es ein Davor? Oder nimmt die eigene Seele erst einen Anfang, um nach dem Tod ewig weiter zu existieren (Christentum)?3

Jetzt wisst ihr, welche Gedanken mich nachts um 3 umtreiben. Manchmal kann man einfach nicht schlafen…

  1. Zumindest gehe ich davon aus, dass sie immer noch christlich ist. Wir haben quasi keinen Kontakt mehr, aber ich kann sie mir nicht anders als christlich denkend vorstellen. []
  2. der ewige Kreislauf der Wiedergeburten []
  3. Die Frage ist für mich auch, ob es logisch möglich ist, dass etwas ewiges, d.h. unendliches, einen Anfang hat. Aber auch dazu vielleicht an anderer Stelle mehr, momentan habe ich dafür noch keine Lösung. []

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4 comments


  1. Agent Fishgang

    Viele Probleme sind recht simpel – so auch dieses. Das Christentum benötigt kein Vor-dem-Leben, gerade weil es teleologisch ist. Nimmt man dann noch dazu, dass die Renaissance des Trecento/Quatrocento die Vorstellung eines Fortschrittes der Menschheit geprägt hat, wird m. E. schnell klar, weshalb die “westlichen Glaubensansichten” sehr gut ohne ein “Vorseits” auskommen.

    Viele Probleme sind allerdings recht komplex – so auch dieses. Die antike Idee der Zirkularität vor allem der Geschichte (ich bin ein ausgesprochener Fan dieses Konzeptes!) bringt da schon etwas mehr Schwung in die Angelegenheit; die Etikettierung “westlich” scheint mir ohnehin nicht haltbar. Das explizit messianische Christentum, dessen ureigenster Gag ja in der Jenseitigkeit liegt, hat vielmehr, oftmals in synkretistischer Manier, die vorherigen religiösen Vorstellungen verdrängt bzw. überlagert. Unter dem Stichwort “Pfadabhängigkeit” kann daher vermutet werden, dass unser Kulturraum im Grunde gar keine Möglichkeit einer umfassenden und insbesondere ausgereiften Vorstellung vom “Vorseits” haben kann, was, nebenbei bemerkt, nicht notwendig schlimm sein muss.

  2. Agent Fishgang

    Nein ;). Ich habe versucht auf eine Alternative zu kommen, aber das funktioniert nicht, weil immer etwas passendes ausgeschlossen oder etwas unpassendes eingeschlossen wird. Bspw. “Industriestaaten”, doch dazu gehören auch Südkorea bzw. Japan. “Judäo-christlich” greift zwar den Kulturraum recht gut, lässt aber den religiös systematisch ähnlichen Islam außen vor.
    Ich fürchte, dass man um eine Klassifizierung jenseitig vs. “vorseitig” nicht herumkommt, was eine mehr oder minder genaue Kenntnis der einzelnen Religionen benötigt. In der Konsequenz müsste jede Glaubensrichtung präzise angeschaut werden, um sie einem der beiden Pole zuzuordnen. Methodisch ist das völlig problemfrei, nur in der Praxis ist es wohl schwer, alle unterschiedlichen Richtungen zu erfassen, zumal allein auf christlicher Seite in den USA um die 1200 Sekten und Splittergruppen ihr (Un-)Wesen treiben. Eine praktikable Aufstellung der “Verwandtschaftsverhältnisse” könnte brauchbare Cluster zu Tage fördern, die recht simpel zu typologisieren wären.
    Bei dem Versuch würde vermutlich klar, dass die religiöse Welt nicht in HImmelsrichtungen aufgeteilt ist. Warum diese und jene Idee gerade hier und dort entstanden ist, sollten dann Religionswissenschaftler erklären (können).
    Die laienhafte Hypothese ist vielleicht zu simpel und aus der Hüfte geschossen, aber u. U. begünstigt (nota bene: als nur ein Faktor) eine Unerschöpflichkeit suggerierende Umwelt vorseitige Vorstellungen (Hinduismus) und karge Lebensverhältnisse jenseitsorientierte Religionen (abrahamitische Konfessionen).

  3. Ok, klar, die ganzen Splittergruppen zu erfassen ist furchtbar schwierig. Und wir sind ja so oder so keine Religionswissenschaftler.
    Deine Hypothese, die den Zusammenhang mit der direkten Lebenswelt herstellt klingt nicht verkehrt. Allerdings kommt man dann vielleicht mit dem Buddhismus in die Bredouille, von dem ich nicht weiß, ob er direkt in Nordindien entstanden ist (und somit die vorseitigen Vorstellungen schon einschloss) oder die Karma- und Samsara-Ideen später übernommen hat.

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