Posts Tagged ‘wirtschaft’

Harald Lesch zum Klimawandel und Energie

Addliss | 24. Februar 2010 in all | Kommentare (8)

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Harald Lesch (der im übrigen schon seit alpha Centauri ein von mir sehr geschätzter Popular-Physiker ist) fehlen ein wenig die Begrifflichkeiten in der Statistik und Ethik, aber im Grunde hat er Recht. Er schneidet es im Beispiel mit der Familie an:

Der Fehler erster Art ist, wenn die Familie im See einbricht und ertrinkt. Der Fehler zweiter Art ist, dass die Familie unnötig um den See herumgeht, obwohl er begehbar wäre. Der Fehler erster Art ist in jedem Falle zu umgehen – reine Statistik.

Im Bereich der Ethik geht es um die Nutzung der (statistischen) Wahrheitstabellen (nicht im logischen Sinne). Angenommen, der Hype Klimawandel ist berechtigt und wir richten uns danach, reduzieren die Emissionen. Dann ham wir was gewonnen. Angenommen, einige (!) Klimaskeptiker haben Recht und wir richten uns danach, ändern also nichts an unseren Emissionen. Dann bleibt alles beim Alten.
Angenommen die gleichen Klimaskeptiker haben Unrecht, aber wir richten uns danach und ändern nichts. Dann könnte es ganz schön mies aussehen für uns. Angenommen der Hype um den Klimawandel wäre unberechtigt, aber wir reduzieren unsere Emissionen, da wir es nicht genau wissen. Dann haben wir nicht viel verloren, auch wenn es etwas unnötig sein sollte.
Die Tabellen ausgeschrieben haben für jede Position 4 Wertekombinationen (wahr – wir richten uns danach, wahr – wir richten uns nicht danach, falsch – wir richten uns danach, falsch – wir richten uns nicht danach). Und auch hier gilt es ganz nach statistischen Gesichtspunkten den Fehler erster Art zu vermeiden.

Ich selbst bin auch nicht so sehr überzeugt von den Berechnungen bzgl. zukünftiger Klimaentwicklung, da das Ökosystem Erde so unendlich komplex ist. Ich traue einfach keinem Menschen zu, es mittels Computersimulation darzustellen und Prognosen zu stellen. Ich störe mich auch daran, dass Theorien als Tatsachen dargestellt werden. (Hier sollte man einmal darüber diskutieren, inwiefern Wissenschaft doch etwas mit Meinung, Interpretation und Glauben zu tun hat.) Dennoch sehe ich es wie Herr Lesch: Wir haben eigentlich keine Wahl. Wir müssen verantwortlich handeln.

Es ist ein Sicherheitsargument, ja, und Sicherheitsargumente sind manchmal übertrieben (z.B. wenn man pauschal alle Egoshooter verbieten will, damit man einen Effekt auf die Aggressivität der Menschen ausschließen möchte). Doch hier halte ich das Argument für berechtigt und gut begründet, denn ganz aus der Luft gegriffen sind die Berechnungen der Wissenschaftler doch nicht.

via [Gedankenpflug]


Fiskaler Erhellungs-Beauftragter

Addliss | 8. Februar 2010 in all | Kommentare (0)

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Einen neuen Job, den ich mangels einschlägiger Ausbildung geschweige denn Erfahrung in gewissen beruflichen Gefilden nicht werde antreten können, habe ich heute beim Gelsenkirchen-Blog entdeckt: Fiskaler Erhellungs-Beautragter.

Dabei handelt es sich um einen privatwirtschaftlichen Steuerfahnder, der vorzugsweise schon mal beim Geheimdienst oder als Kopfgeldjäger tätig war. :D

Zitat:

Vorangegangene Arbeitsverhältnisse als Auftragsmörder, Söldner, Geheimdienstler sind ein Plus, aber keine Bedingung.

Ich bin begeistert! So kann man aus der ganzen Steuerproblematik noch seinen eigenen Vorteil schöpfen!


Zitat des Tages (10) – Zukunft und Unternehmer

Addliss | 3. Februar 2010 in all | Kommentare (2)

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Die Zukunft ist ein Marxist: Sie schert sich einen Dreck um die Unternehmer.

Thomas Strobl a.k.a. weissgarnix


Vodafone Kampagnen-Spaß

Addliss | 25. Januar 2010 in all | Kommentare (0)

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Sicher kennt jeder von euch die letzte Werbekampagne von Vodafone, hier nochmal zu Erinnerung:

Vodafone-Plakat

In der Kampagne versuchte man sich als Anbieter der Jugend, der “Generation Online”, darzustellen. Ob das geklappt hat, möchte ich mal anderen Diskussionen überlassen. Mir ist etwas an den Plakaten dieser Kampagne aufgefallen:

Vodafone-Hack?

Dort posten virtuelle Menschen wie Thomas Schmidt oder Petra Rabe twitter-like ihre kleinen Status-Nachrichten. Wenn man genau hinsieht, ist in der Mitte der Kollege “Christian Harten”, was ausgesprochen natürlich eine umgangssprachliche Abwandlung von “Kriegst ja ‘nen Harten” ergibt.

Ein zweites Plakat der Kampagne zeigt ebenfalls sehr alltägliche Namen und Personen, aber an der gleichen Stelle wie hier einen Menschen namens “Hatto Möhrchen” – das zugehörige Bild selbstverständlich mit entsprechend angedeuteten Hasenzähnchen ausgestattet. Davon habe ich leider kein Foto machen können, kann ich aber nachliefern.

Jetzt meine Fragen: Wurde das von den Vodafone-Verantwortlichen als kleiner Werbe-Gag intendiert? Hat das Marketing-Unternehmen sich einen Spaß erlaubt und Vodafone hat es abgenickt? Oder hat man bei Vodafone keine Ahnung davon? Ich habe darüber im Netz keine Info finden können, auch keinen Blog, der das Thema aufgreift. Aber vielleicht weiß der eine oder andere von euch ja mehr. Ich habe jedenfalls geschmunzelt.


Blumen an Googles Firmenschild

Addliss | 13. Januar 2010 in all | Kommentare (1)

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In China gab es, wie ihr dieser Stunden überall lesen könnt, einen Hacker-Angriff1 auf E-Mail-Konten verschiedener Menschenrechtsaktivisten und Regime-Kritiker bei Gmail. Daraufhin hat Google ja nun seine gefilterte Suche für die chinesische Google-Seite zumindest angepasst, sodass auch vorher verbotene Bilder o.ä. zu finden sind:

Google.cn | Tank Man

Nun lese ich bei Nerdcore, dass Blumen an einem Firmenschild einer chinesischen Niederlassung Googles niedergelegt worden waren. Ob das als Dank oder als vorausgeschickte Trauerblumen zu verstehen ist, weiß man nicht. Allemal ist es bemerkenswert!

Spannend wäre es, die Behauptungen von mspr0 zu überprüfen, die er hier tätigt:

Wenn China, warum dann nicht auch Iran? Was gäbe es da noch für eine Rechtfertigung? Google wäre in der moralischen Pflicht, Informationen überall dorthin zu bringen, wo Zensur herrscht. Warum also nicht auch nach England? Oder nach Australien? Wozu sich überhaupt noch an Gesetze halten? Wozu überhaupt noch die Regulierungsansprüche von Staaten ernst nehmen? Wozu überhaupt noch Staat/Nation?

Und auf einen Schlag sähe jegliche nationale Gesetzgebung das Internet betreffend aus, wie ein Wutanfall von Mickey Mouse. Die staatliche Souveränität wäre als Prinzip angekratzt, wenn nicht gar völlig diskreditiert. Und es gäbe eine neue strategische Großmacht auf der Welt. Google kann Staaten stürzen.

Damit wäre 2010 gebührlich eingeläutet. Das postnationale Zeitalter hätte begonnen.

Ist es wirklich schon soweit, dass Google Staaten stürzen kann? Wenn ja: War es vorher nicht auch schon möglich für Großkonzerne, starken Einfluss auf Staaten zu nehmen? Muss Google ernsthaft alle Staaten ignorieren, wenn sie chinesische Vorgaben ignorieren? Wenn René davon spricht, das Firmencredo Googles sei “Don’t be evil!” – was heißt hier “evil”? Kann es nicht auch “evil” sein, bestimmte Inhalte anzubieten? Wo zieht man hier bei einer Metamoral die Grenze? Wie sieht ein “gutes” Moralsystem aus und wie ein “böses”? An geeigneter Stelle sollte mal jemand was dazu schreiben. Vielleicht lasse ich mich auch noch dazu hinreißen…

Ich frage mich, warum es nicht auch normale Cracker gewesen sein können, die die Accounts angegriffen haben. In seinem Firmenblog macht Google klar, dass diese Attacken sehr “sophisticated” (“wohldurchdacht”, “clever”) und “targeted” (“zielgerichtet”) gewesen seien. Okay, das schließt einen Angriff von klugen Köpfen, die nichts mit der Regierung zu tun haben, nicht aus. Das würde allein noch keinen Rückzug Googles rechtfertigen (für meinen Geschmack). Hinzu kommt jedoch, dass man bei den Recherchen herausgefunden hat, dass auch mindestens 20 andere größere Unternehmen aus den verschiedensten Branchen angegriffen wurden – zur gleichen Zeit. Solche Großangriffe lassen sich schwer durch einzelne Gruppen koordinieren, zumindest in meiner Vorstellung. Daher liegt die Vermutung nahe, dass ein von der chinesischen Regierung beauftragtes Team dahinter stecken könnte. Außerdem habe China sich im vergangenen Jahr restriktiver gezeigt, was die Meinungsfreiheit betrifft. Daher müsse man sein Vorgehen in China überdenken. Insofern ist es für mich plausibel. Dies sind alles Indizien und Reibungspunkte, die gemeinsam zu einem Überdenken der Herangehensweise führen können.

Ich bin gespannt, wie Google hier weiter agiert, zumal sie auch mit der US-Regierung und der chinesischen Kontakt halten, um ihr Vorgehen abzustimmen.

  1. ob es wirklich ein Hacker-Angriff war, wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall waren es Cracker. Zum Nachlesen der Unterscheidung verweise ich auf einen Text von Richard Stallman. []

Affe ist mit Zufall erfolgreicher als strategische Spekulanten

Addliss | 12. Januar 2010 in all | Kommentare (0)

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In diesem Artikel schildert “Russland Aktuell”, wie ein weiblicher russischer Affe namens Luscha an einem Experiment teilnahm und dort erfolgreicher an der Börse spekulierte als jahrelang in der Branche tätige Analysten und Spekulanten. Dazu wählte Luscha aus 30 bunten Würfeln, die für bestimmte Aktien standen, acht aus. Das Ganze ging ein Jahr lang und nun beträgt das Vermögen von anfänglich 1 Million Rubel auf knappe 3 Millionen. Damit ist dieser “Fond” erfolgreicher als 94 Prozent der gesamten russischen Fonds. Interessant dabei ist zu betrachten, warum der Affe erfolgreicher sein konnte, dazu gibt es mehrere Faktoren, die ich nur stichpunkartig aufführen werde. Natürlich sind das auch nicht wissenschaftliche Erkenntnisse meinerseits.

Zunächst möchte ich auch noch voranstellen, dass das Experiment nicht wirklich viel von “Spekulation” hatte, da dem Affen bunte Würfel vorgelegt wurden und nicht dazu aufgefordert, Aktien zu kaufen. Dies beinhaltet wirklich noch etwas mehr als nur Würfel auszuwählen. Allerdings lässt es eventuell Kritik an Analysten-Strategien zu und stellt die Frage in den Raum, wie strategisch man bei der Börse wirklich vorgehen kann. Dazu später etwas mehr.

1) Im letzten Jahr waren die Aktienkurse extrem unberechenbar, soweit ich mitbekommen habe. Insofern lässt sich der Erfolg des Affen z.T. als “Zufall” verbuchen. Gerade dann hätte man mit einer anderen zufälligen Zusammenstellung der Aktien ein anderes Ergebnis erzielt.

2) Im Text steht schon:

Die Bärenmakakin verteilte ihr Kapital sehr „geschickt“ zwischen staatlichen und privaten Unternehmen und setzte dabei zugleich auf Rohstoffförderung (plus 150 Prozent), Telekommunikation (plus 240 Prozent) und den Bankensektor (plus 600 Prozent).

Eine Streuung des Risikos und Aufteilung auf private und staatliche Unternehmen wird grundsätzlich empfohlen, sofern ich mich mit Aktienfonds auskenne. Daher ist es keine Überraschung, dass das Tier so erfolgreich war. Warum allerdings die Makler etc. nicht ähnliche Zusammenstellungen gewählt haben, wundert mich doch, da sie selbst doch ständig diese Tipps geben.

3) Wie ist es mit dynamischen Systemen? Ist die Börse ein dynamisches System? Kann man hier überhaupt strategisch vorgehen? Wenn man die letzten beiden Fragen verneint, kann man vielleicht eher davon ausgehen, dass die Börse psychologisch angegangen werden kann. Was denken die anderen, was als nächstes gefragt sein könnte? Wovon glauben die anderen, dass es demnächst einen Aufschwung erfährt? Wo steigt der Preis der Aktien wohl als nächstes? Das ist vielmehr psychologisch als rein strategisch.

Mathematiker und Studenten in den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern (VWL, BWL etc.) haben z.T. explizit Veranstaltungen zu dynamischen Systemen und versuchen diese mit Formeln zu durchdringen. Ich bin auch fasziniert davon, wie sich in übergeordneten Zusammenhängen immer wieder erkennbare Muster einschleichen. Allerdings stelle ich in Frage, dass gerade die Börse, die so psychologisch durchdrungen ist, grundlegend als dynamisches System aufzufassen ist. Aus dieser Perspektive ist der Erfolg von Luscha nun wiederum “Zufall”, da berechnende Strategien vielleicht nicht immer funktionieren. Und hier hat sie mit der zufälligen Methode zufällig die richtige Auswahl getroffen.

Allerdings stellt sich dann wieder die Frage, warum Analysten und Makler solch hohe Gehälter und Boni erhalten, wenn man mit dem Zufall gleich gute, bessere oder gleich schlechte Ergebnisse erzielen kann. Witzig ist ebenfalls die Stellungnahme einiger Analysten:

„Anfängerglück“. Wäre das Experiment ein Jahr früher gelaufen, als die Aktienkurse noch hoch lagen, hätte die Makakin sich kaum ihre Bananenration fürs laufende Jahr verdient, meinen sie.

Das ist eine schöne, sehr menschliche Trotzreaktion.


Experten missachtet

Addliss | 17. Dezember 2009 in all | Kommentare (0)

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Schon im Sommer hat die (alte) Bundesregierung eindrucksvoll bewiesen, wie man Expertenmeinungen schlicht ignorieren kann. Scheuklappentaktik. Damals ging es um das Zugangserschwerungsgesetz. Nun wurde ein Haushaltsplan für 2010 verabschiedet, der eine riesige Neuverschuldung inkl. einiger Steuergeschenke u.a. beinhaltet. Es geht um die Entlastung der Bürger, damit die oft kolportierte Konjunktur wieder in Gang kommt.

Dieser Artikel auf FAZ.net zeigt einige Probleme in den Einzelheiten auf, aber er spricht auch Strukturen an, die nicht direkt finanzielle Aspekte betreffen. Es wird richtig gesagt, dass Wirtschaft zu einem guten Teil Zukunftserwartung – Psychologie – darstellt. Und wenn die Menschen schon allein Skepsis zeigen ob der großen Investitionen, der hohen Neuverschuldung und der Wirksamkeit dieser Maßnahmen – ist das dann sinnvoll?

Zudem werden Hinweise von Experten erneut in den Wind geschlagen:

Durch die desolate Lage in den öffentlichen Kassen lassen sie sich nicht beirren; und auch nicht von den anderslautenden Ratschlägen der Wirtschaftsweisen, den Bedenken des Bundesrechnungshofs oder der Skepsis in der Bevölkerung. Es scheint, als wolle die Koalition das Wirtschaftswachstum erzwingen, das Deutschland aus der Krise führt und ihr unpopuläre Entscheidungen erspart.

Kann man auf dieser Basis von einem Aufschwung ausgehen? Vergleichen wir es mit der Börse, die zu einem Teil so funktioniert, dass ein Analyst denkt, viele Leute könnten in nächster Zeit eine bestimmt Aktie (Fond etc.) kaufen wollen. Dann kauft er also, da er glaubt, dass der Preis steigt und er kann später Gewinne mitnehmen. Sollten also auch viele andere denken, dass Börsenteilnehmer in nächster Zeit viele dieser Aktien kaufen wollen, und sie kaufen auf Grund dieser Annahme die Aktien, steigt der Preis real. (Dass der Analyst einen direkten Einfluss nehmen kann, dadurch, dass er Kaufempfehlungen gibt, sollte einleuchten, soll aber nicht Thema sein.)

Nun ziehen wir also die Analogie zur Volkswirtschaft: Wenn die Leute nicht davon ausgehen, dass uns durch die Maßnahmen ein Aufschwung bevorsteht, werden sie sich auch zurückhalten in ihrem Investitions-/Kaufverhalten. Also wird es (vermutlich) keinen Aufschwung geben. Warum also glaubt man in der Bundesregierung, die Pläne seien dazu geeignet, ein Wirtschaftswachstum zu bewirken?

(An alle Volks- oder Betriebswirtschaftler: Mir ist bewusst, dass sich hier eventuell begriffliche Unsauberkeiten verstecken könnten, da ich nicht vom Fach bin. Kritisiert also bitte nur die gedanklichen Fehler. Danke.)


Stefan Niggemeier zum Online-Journalismus und dem Hamburger Abendblatt

Addliss | 16. Dezember 2009 in all | Kommentare (0)

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Der Springer-Verlag hat seit gestern seine Online-Angebote zum Teil kostenpflichtig gemacht. Dazu kann man verschiedener Meinung sein, doch ich halte den Artikel von Stefan Niggemeier dazu für eine gute Betrachtung der Herangehensweise des Vize-Chefredakteurs Matthias Iken und für einen ebenso guten Perspektivenentwurf zum Medium Online-Journalismus.

Der Gedanke, dass Medien sich zumindest teilweise über Werbung finanzieren, kommt in Ikens verlogenem Text nicht einmal so vor. Er behauptet, man habe „vergessen, Geld zu verdienen”. Er schreibt: „Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus.” Was für ein „Nulltarif”? Ikens Text ist umgeben von Werbeflächen. Man kann darüber reden, inwiefern eine vollständige Abhängigkeit von Werbeeinnahmen gefährlich sein kann für unabhängigen Journalismus, aber mit jemandem, der so unredlich ist wie Iken, kann und muss man darüber nicht reden.

Stefan Niggemeier | Aussichtslos, selbstmörderisch, aussichtslos


Wieviel Moral gehört in ein Finanzsystem?

Addliss | 11. Dezember 2009 in all | Kommentare (7)

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Jaja, ich weiß, schon wieder Moral? Nun, ich denke, es ist ein interessantes Thema. Außerdem hat es weissgarnix in seinem Artikel “Gesucht: Aristokraten des Gemeinsinns” auch mal wieder aufgegriffen. Jeder kennt zudem die sehr aktuelle Debatte im Anhang der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie moralisch Banker handeln müssen oder wie restriktiv der Staat handeln muss usw.

Weissgarnix zitiert in besagtem Artikel Wilhelm Röpke, der 1956 das liberale Modell für nur funktionabel hielt, wenn es sich moralisch begrenze und eben nicht nur das Maximum an Umsatz, Gewinn und Rendite kennt. Dazu brauche es “Aristokraten des Gemeinsinns”, die als Vorbild gelten.

Ich frage mich hier erst einmal, wie Moral entsteht, denn nur dann kann sie ja Einfluss auf das Wirtschaftssystem haben. Wir müssen uns also Moral erst einmal kurz anschauen: Spontan muss ich an Helmuth Plessner denken, der in seiner Anthropologie postuliert, dass Moral entsteht, weil der Mensch tun muss. Er ist nicht so direkt wie ein Tier, das triebgesteuert lebt, sondern er muss tun; sein Leben führen. Und er muss beständig tun, nicht nur einmal – er ist gewissermaßen rastlos. Da er nicht zu einem triebgesteuerten Leben zurückkommt und nicht “natürlich”, direkt leben kann, schafft er sich ein Gegengewicht zu seiner Natürlichkeit, schafft einen Umweg, von dem er glaubt, dadurch direkter zu leben, einen Sinn zu haben – Kultur (die Moral beinhaltet). Man kann Plessner an verschiedenen Stellen kritisieren, auch wenn seine Theorie irgendwie etwas für sich hat. Mein größter Kritikpunkt ist: Warum schafft der Mensch eine Moral, die den Menschen begrenzt? Gäbe es nicht ein anderes Modell, das ihn nicht begrenzt? Ich komme später darauf zurück.

Nun bringe ich Niklas Luhmanns Systemtheorie ins Spiel. Der Mensch schafft sich, wenn wir Plessner folgen, notwendigerweise Moral. Er bildet aber auch andere Kulturteile heraus, wie eben das Wirtschaftssystem. Dieses kennt die Hauptunterscheidung “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” und hat das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium “Geld”. Moral gilt für Luhmann als Medium, das systemübergreifend funktioniert, aber kein System für sich ist. Es kennt allerdings den Code “gut/schlecht” oder “gut/böse”. Und die Frage ist, ob dieser Code im System von “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” verstanden wird. Luhmann sagt, die Moral sei systemübergreifend. Sie trete dann in Kraft wenn a) eine Irritation entsteht oder b) systemübergreifend kommuniziert wird. Und diesen Fall haben wir hier: Gab es vor der Wirtschaftskrise eine Irritation? Viele Banker oder andere Finanziers haben keine gespürt: Was sie getan haben, entsprach den Gesetzen und es gab keine gewichtigen Gründe anzunehmen, es sei etwas nicht in Ordnung. Das Geschäft lief. ( |= Die Kommunikation innerhalb des Systems funktionierte.) Es gab auch nur die eine systemübergreifende Moralkommunikation: Wenn das funktioniert, was ihr macht, ist es “gut”. (Ich klammere jetzt mal alle kritischen Stimmen aus, da sie eben nicht den Großteil der gesellschaftlichen Kommunikation ausmachten)

Nun gab es eine Irritation und systemübergreifende Kommunikation: 1. Kredite fielen aus, Lehman Brothers fiel, die HRE fiel usw. 2. Politiker schalten im Anschluss die Banker und Manager als “gierig” (ein eindeutig moralischer Begriff) und mehr. Es wäre nicht “anständig” gewesen, so mit dem Geld umzugehen. Doch, wie sollte – nach Luhmann – vorher die Moral als Medium aktiviert werden, wenn es weder Irritation noch Umwelteingriffe gab? Es ist schlicht und ergreifend unmöglich.

Die Frage ist, wie Moral eingebaut werden kann. Dazu bräuchten wir eine neue Theorie, dies zu beschreiben. Denn sobald das Finanzsystem wieder funktioniert, wird die Moral wieder deaktiviert. Momentan scheint es so zu sein, auch wenn man weiß, dass es alles auf Pump funktioniert – die Moral wird nicht aktiviert, da es keine interne Irritation gibt. Hier kommt Plessner wieder ins Spiel: Es ist die gleiche Frage, die ich an die Kulturbildung des Menschen habe, die sich für das Finanzsystem stellt. Warum sollte ein selbstrestriktives System eingerichtet werden? Die eigene Hauptunterscheidung “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” regelt doch alles ganz gut.

Selbst wenn man Moral im Gesetz und damit im System Finanzen, etabliert, würde es nicht funktionieren, weil – ja weil es weiter keine Irritation gäbe und Moral ansonsten nur über systemübergreifende Kommunikation thematisiert werden kann. Was würde das im Konkreten bedeuten? Man bräuchte eine Beobachtung des Finanz-/Wirtschaftssystems durch ein anderes System, z.B. Politik. Aber Moment…die haben wir doch schon? Die hat aber versagt, wenn man es hart ausdrücken will. Dass man dies noch nicht erkannt und behoben hat, liegt an einem Schwachpunkt, der sich auch in Luhmanns Systemtheorie findet: Die Politik wird als zentrales System gesehen (so kenne ich zumindest die Literatur).

Die Wahrheit ist doch: Das zentrale System, wenn es überhaupt eins gibt (was ich nicht so klar sagen kann), ist das Wirtschaftssystem, da wir im Kapitalismus, also in einer Subsistenzwirtschaft leben. D.h. wir müssen arbeiten, um zahlungsfähig zu sein. Und nur, wenn wir zahlungsfähig sind, können wir unser Überleben sichern. Dass wir alle wählen gehen oder uns als in der Politik engagieren, ist nicht von lebenswichtiger Bedeutung, zumindest nicht direkt.

Könnte es also doch sein, dass es ein Systemfehler ist? Einige argumentieren, dass die Regeln an sich schon gut sind, nur noch verfeinert werden müssen und man halt immer Idioten hat, die das System missbrauchen. Doch, wenn man es systemtheoretisch betrachtet, könnte man den Verdacht hegen, dass die Macht, die den Menschen gegeben wird, quasi ein Programmierfehler (Luhmann spricht von sozialen Programmen, die bei der Ausdifferenzierung der Systeme entstehen), ein Fehler in den Rahmenbedingungen ist. Auch wenn man dem politischen System zu viel Macht einräumt, entstehen ähnliche Situationen – so geschehen im Absolutismus. Vielleicht darf es einfach kein zentrales System geben?


Netzeitung wird zum 1.1. umgestellt

Addliss | 7. Dezember 2009 in all | Kommentare (0)

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Wie ich gerade lesen musste (hab’ ich was verpasst?) wird die Netzeitung zum 1.1. auf ein automatisiertes Portal umgestellt, das ähnlich wie Google News Nachrichten automatisiert sammeln soll. Die komplette Redaktion wird entlassen.

Irgendwie ist das schon seltsam, dass jetzt sogar schon Nicht-Print-Zeitungen “aufgeben” müssen. Es kann ja sein, dass man das nicht müsste und die Verlagsleitung nur mehr Profit rausholen möchte. Dennoch erschließt sich mir der Sinn nicht ganz, da gerade eine Net-Zeitung (vom Namen her!) eine redaktionelle Betreuung impliziert.

Hier hat die Netzeitung Reaktionen der Leser auf die Entscheidung zusammengetragen:

Netzeitung.de | «Eine absolut unverständliche Entscheidung»