Jaja, ich weiß, schon wieder Moral? Nun, ich denke, es ist ein interessantes Thema. Außerdem hat es weissgarnix in seinem Artikel “Gesucht: Aristokraten des Gemeinsinns” auch mal wieder aufgegriffen. Jeder kennt zudem die sehr aktuelle Debatte im Anhang der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie moralisch Banker handeln müssen oder wie restriktiv der Staat handeln muss usw.
Weissgarnix zitiert in besagtem Artikel Wilhelm Röpke, der 1956 das liberale Modell für nur funktionabel hielt, wenn es sich moralisch begrenze und eben nicht nur das Maximum an Umsatz, Gewinn und Rendite kennt. Dazu brauche es “Aristokraten des Gemeinsinns”, die als Vorbild gelten.
Ich frage mich hier erst einmal, wie Moral entsteht, denn nur dann kann sie ja Einfluss auf das Wirtschaftssystem haben. Wir müssen uns also Moral erst einmal kurz anschauen: Spontan muss ich an Helmuth Plessner denken, der in seiner Anthropologie postuliert, dass Moral entsteht, weil der Mensch tun muss. Er ist nicht so direkt wie ein Tier, das triebgesteuert lebt, sondern er muss tun; sein Leben führen. Und er muss beständig tun, nicht nur einmal – er ist gewissermaßen rastlos. Da er nicht zu einem triebgesteuerten Leben zurückkommt und nicht “natürlich”, direkt leben kann, schafft er sich ein Gegengewicht zu seiner Natürlichkeit, schafft einen Umweg, von dem er glaubt, dadurch direkter zu leben, einen Sinn zu haben – Kultur (die Moral beinhaltet). Man kann Plessner an verschiedenen Stellen kritisieren, auch wenn seine Theorie irgendwie etwas für sich hat. Mein größter Kritikpunkt ist: Warum schafft der Mensch eine Moral, die den Menschen begrenzt? Gäbe es nicht ein anderes Modell, das ihn nicht begrenzt? Ich komme später darauf zurück.
Nun bringe ich Niklas Luhmanns Systemtheorie ins Spiel. Der Mensch schafft sich, wenn wir Plessner folgen, notwendigerweise Moral. Er bildet aber auch andere Kulturteile heraus, wie eben das Wirtschaftssystem. Dieses kennt die Hauptunterscheidung “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” und hat das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium “Geld”. Moral gilt für Luhmann als Medium, das systemübergreifend funktioniert, aber kein System für sich ist. Es kennt allerdings den Code “gut/schlecht” oder “gut/böse”. Und die Frage ist, ob dieser Code im System von “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” verstanden wird. Luhmann sagt, die Moral sei systemübergreifend. Sie trete dann in Kraft wenn a) eine Irritation entsteht oder b) systemübergreifend kommuniziert wird. Und diesen Fall haben wir hier: Gab es vor der Wirtschaftskrise eine Irritation? Viele Banker oder andere Finanziers haben keine gespürt: Was sie getan haben, entsprach den Gesetzen und es gab keine gewichtigen Gründe anzunehmen, es sei etwas nicht in Ordnung. Das Geschäft lief. ( |= Die Kommunikation innerhalb des Systems funktionierte.) Es gab auch nur die eine systemübergreifende Moralkommunikation: Wenn das funktioniert, was ihr macht, ist es “gut”. (Ich klammere jetzt mal alle kritischen Stimmen aus, da sie eben nicht den Großteil der gesellschaftlichen Kommunikation ausmachten)
Nun gab es eine Irritation und systemübergreifende Kommunikation: 1. Kredite fielen aus, Lehman Brothers fiel, die HRE fiel usw. 2. Politiker schalten im Anschluss die Banker und Manager als “gierig” (ein eindeutig moralischer Begriff) und mehr. Es wäre nicht “anständig” gewesen, so mit dem Geld umzugehen. Doch, wie sollte – nach Luhmann – vorher die Moral als Medium aktiviert werden, wenn es weder Irritation noch Umwelteingriffe gab? Es ist schlicht und ergreifend unmöglich.
Die Frage ist, wie Moral eingebaut werden kann. Dazu bräuchten wir eine neue Theorie, dies zu beschreiben. Denn sobald das Finanzsystem wieder funktioniert, wird die Moral wieder deaktiviert. Momentan scheint es so zu sein, auch wenn man weiß, dass es alles auf Pump funktioniert – die Moral wird nicht aktiviert, da es keine interne Irritation gibt. Hier kommt Plessner wieder ins Spiel: Es ist die gleiche Frage, die ich an die Kulturbildung des Menschen habe, die sich für das Finanzsystem stellt. Warum sollte ein selbstrestriktives System eingerichtet werden? Die eigene Hauptunterscheidung “zahlungsfähig/nicht zahlungsfähig” regelt doch alles ganz gut.
Selbst wenn man Moral im Gesetz und damit im System Finanzen, etabliert, würde es nicht funktionieren, weil – ja weil es weiter keine Irritation gäbe und Moral ansonsten nur über systemübergreifende Kommunikation thematisiert werden kann. Was würde das im Konkreten bedeuten? Man bräuchte eine Beobachtung des Finanz-/Wirtschaftssystems durch ein anderes System, z.B. Politik. Aber Moment…die haben wir doch schon? Die hat aber versagt, wenn man es hart ausdrücken will. Dass man dies noch nicht erkannt und behoben hat, liegt an einem Schwachpunkt, der sich auch in Luhmanns Systemtheorie findet: Die Politik wird als zentrales System gesehen (so kenne ich zumindest die Literatur).
Die Wahrheit ist doch: Das zentrale System, wenn es überhaupt eins gibt (was ich nicht so klar sagen kann), ist das Wirtschaftssystem, da wir im Kapitalismus, also in einer Subsistenzwirtschaft leben. D.h. wir müssen arbeiten, um zahlungsfähig zu sein. Und nur, wenn wir zahlungsfähig sind, können wir unser Überleben sichern. Dass wir alle wählen gehen oder uns als in der Politik engagieren, ist nicht von lebenswichtiger Bedeutung, zumindest nicht direkt.
Könnte es also doch sein, dass es ein Systemfehler ist? Einige argumentieren, dass die Regeln an sich schon gut sind, nur noch verfeinert werden müssen und man halt immer Idioten hat, die das System missbrauchen. Doch, wenn man es systemtheoretisch betrachtet, könnte man den Verdacht hegen, dass die Macht, die den Menschen gegeben wird, quasi ein Programmierfehler (Luhmann spricht von sozialen Programmen, die bei der Ausdifferenzierung der Systeme entstehen), ein Fehler in den Rahmenbedingungen ist. Auch wenn man dem politischen System zu viel Macht einräumt, entstehen ähnliche Situationen – so geschehen im Absolutismus. Vielleicht darf es einfach kein zentrales System geben?