Nach einigen Wochen und vielen Artikeln zur re:publica 2010, die viele interessante Beiträge geliefert hat1 , möchte ich auf einen Punkt zu sprechen kommen, der sich weniger mit dem Inhalt beschäftigt. Es geht um den Vorwurf, die Konferenz sei eine “Nabelschau der Blogger”, oder die Befürchtung, es könnte genau das der Fall sein. Ich möchte einmal in Frage stellen, dass das der Fall ist und zudem bezweifeln, dass es kritikwürdig ist.
Zum einen möchte ich zu bedenken geben, dass es Ärztekongresse, Journalistenkongresse, Pharmakongresse, Flugmessen, Automessen, Buchmessen, Parteitage usw. usf. gibt. Jede Branche oder jede für sich stehende gesellschaftliche Einheit hat Veranstaltungen, bei denen sie sich auch mit sich selbst beschäftigt. Der Vorwurf z.B. von Journalisten passt so überhaupt nicht, da auch sie sich selbst beispielsweise auf Preisverleihungen, von denen es genügend gibt, mit dem Journalismus beschäftigen. Das rechtfertigt keine “Nabelschau” der Blogger, sollte es denn eine sein. Doch es entkräftet den Vorwurf derer, die ihn aussprechen. Damit, dass sie selbst ähnliche Veranstaltungen haben, zeigen sie, dass es doch potentiell berechtigt ist, so etwas abzuhalten. Warum nicht also auch die, die sich mit dem Bloggen oder allgemein mit Internetphänomenen beschäftigen sowie eventuell sogar damit Geld verdienen?
Der zweite Schritt für mich ist, eine Selbstbeschäftigung als essentiell für Systeme zu betrachten. Wenn sich Blogger2 über sich selbst Gedanken machen, kann das doch nur von Vorteil sein. Sie definieren sich, reflektieren, machen sich klar, was z.B. gutes Blogging ausmacht oder welche Rechte jemand im Internet haben sollte, welche psychologische Struktur sich in der Internetnutzung ausmachen lässt (s. Peter Kruse) und vieles anderes. Sie machen sich – wie sich Ärzte darüber informieren und unterhalten, was eine gute Therapie ist; wie sich Journalisten darüber verständigen, wer guten Journalismus betreibt und was Journalismus überhaupt alles leisten kann – darüber Gedanken, wie man das Internet, Kommunikation, gesellschaftliche Prozesse, Politik und vieles anderes beschreiben und verbessern kann.3 Ich denke, dass man sich schon klar machen sollte, was man tut, um das, was man tut, besser zu machen bzw. Anknüpfungspunkte für andere Gesellschaftsbereiche – z.B. Wissenschaft – zu finden. Insofern hat die re:publica durchaus Berechtigung als Kommunikationskanal für viele verschiedene Ansätze zum Internet/Blogging und nicht als Selbstbeweihräucherung. Diese Berechtigung wird auch nicht dadurch eingeschränkt, dass es noch zahllose andere Kongresse gibt, auf denen die gleichen Themen besprochen werden. Vielmehr gibt es momentan sogar noch recht wenige, was die Beschäftigung mit den Themen noch wichtiger macht.
- Der methodisch und wissenschaftlich interessanteste für mich war der von Peter Kruse (“Ist die Nutzung des Internets eine Glaubensfrage?“). Gleichsam lehrreich, unterhaltsam und auch lustig war der von Sascha Lobo (“How to survive a shit storm“). [↩]
- Ich spreche hier von Bloggern, auch wenn zu Recht bezweifelt wird, dass es eine homogene Masse ist. Das möchte ich nicht implizieren, sondern nur eine etwaige Vorstellung davon geben, was die Menschen, abgesehen von ihren Differenzen, verbindet. [↩]
- Insofern sind sie nicht einmal eine “Nabelschau”, sondern die Teilnehmer befassen sich mit vielen Themen rund um das Internet. [↩]
Wer kritisiert denn da? Spiegel-Online und andere Qualitätsmedien. Na, herzlichen Glückwunsch. Ich denke, dass es wie so oft ist. Das, was man nicht versteht, das, was undurchsichtig scheint, das, was man begrifflich nicht ganz zu fassen vermag, wirkt bedrohlich. Gerade im Medienbereich ist die Gefahr groß, dass Knallchargen ihre Unwissenheit auch noch verbreiten dürfen. Wenn man “die” Bloggerszene nicht versteht, liegt das doch bitteschön nicht an der Szene.
Was man an der Konferenz problematisieren kann, ist, dass sie anscheinend bewusst eine Euphorie transportiert, die mit Sicherheit längst nicht in allen Punkten gerechtfertigt ist. Das Internet ist meilenweit von der ursprünglichen Idee der Pluralisierung von Informationen (vielfach wenig treffend als Demokratisierung bezeichnet) entfernt. Und ähnlich wie der Buchdruck mit beweglichen Lettern ist auch das Internet an etlichen Ecken und Enden zur Plattform einer Multiplikation der Dümmlichkeit geworden.
Die Re:publica unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von anderen Konferenzen. Aus ihrem Selbstverständnis heraus – man könnte fast sagen systemimmanent – ist sie auf Transparenz bedacht. Die Computerheinis treten ja gerade mit dem Ziel an, Informationen zu teilen und zugänglich zu machen. Die finden sich toll, weil sie glauben in einer grandiosen Bewegung zu sein. So, what? Da sind sie nicht die einzigen und auch mit Sicherheit nicht die letzten.
Danke für deine Zustimmung. Die Kritik, da hast du Recht, kommt von Stellen, die man nicht ernst nehmen muss. Dennoch scheint sie weit verbreitet, weshalb ich das einmal aufgregriffen habe.
Den Punkt mit der Euphorie würde ich gerade dieses Jahr nicht mehr unterstützen. Ich habe sicherlich nicht alles gesehen, dazu ist es viel zu viel, doch dieses Jahr waren ausdrücklich auch kritische und nachdenkliche Beiträge dabei. Allerdings stimme ich mit dir überein, dass von einigen Vortragenden zu viel Euphorie und zu wenig Reflexion vermittelt wird.