Piratenmitglied erklärt seine Vorstellung von Neuordnung der Gesellschaft

In seinem Blog “Der technoprogressive Pirat” schildert Christophe Chan Hin, wie er sich eine generelle Abgrenzung der Piratenpartei von den übrigen vorstellt. Es geht nicht mehr um Klasse, Volk o.ä., sondern “Multitude”. Eine heterogene Masse, die agiert. Seiner Auffassung nach, sollte die Piratenpartei dahin steuern, dass sie sich von Feminismen, allgemein dem Gender-Gedanken verabschiedet und darüber hinausgeht. Mir scheint, es soll eine vollständige Loslösung von Rollenbildern werden, zumindest in der Makroperspektive der Gesellschaft. Ob und wie das umsetzbar ist, kann ich mir noch nicht vorstellen. Allerdings freut es mich, dass Piraten solche Ansichten haben, da auch für mich eine solche Idee attraktiv ist. Ich hege unausgereifte Gedanken dazu schon seit einiger Zeit, jetzt habe ich einmal die Möglichkeit, ein Buch dazu zu lesen: Michael Hardt & Antonio Negri – Multitude: Krieg und Demokratie im Empire.

Der ganze Artikel ist ziemlich lang, aber lohnt sich m.E. Mein Problem mit der PP: Nicht jeder Pirat hat eine solch mehr oder weniger tiefergehenden Vorstellung, was das Ziel der Partei ist (sein kann) und kann diese so adäquat formulieren wie Christophe Chan Hin. Auch das lässt mich eine Umsetzung einer Multitude noch bezweifeln.

via [twitgeridoo]

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6 comments


  1. Agent Fishgang

    Zuerst einmal: HIN reformuliert Probleme der Diversifizierung recht ansprechend. Der Einzelne ist ja offenbar tatsächlich zugleich Teil mehrerer Systeme und die Piratenpartei scheint das auch so zu erkennen. Die Idee ist zwar gut und interessant, aber eben nicht neu. HIN scheint genau diesen Punkt zu verkennen, indem er sich das Etikett “progressiv” gibt.
    Das, was er seinen Ausführungen zu Grunde legt, ist doch alles längst bekannte Systemtheorie, ergänzt durch den Ansatz neuronaler Netzwerke. Was neu ist – oder zumindest so daherkommt – ist die konkrete Anwendung. Ich vergleiche das mit der Malerei. HARDT/NEGRI haben nicht, wie vin HIN behauptet, Pinsel und Farbe erfunden, sondern nutzen diese, um eine neues Bild zu malen.

    Das allein kann ich noch hinnehmen. Jedoch einiges muss ich scharf kritisieren. HIN möchte sich gern von sozialen Labels (Links, Rechts, Frau, Mann, Klasse, Elite) verabschieden (“hey, ist doch voll establishment!”), benutzt sie aber fleißig weiter. Scheint’s er hat keine passende Alternative. Auch HIN denkt offensichtlich in Kategorien, was in der Sache nicht verwerflich ist. Allerdings kritisiert er oppositionelles bzw. binäres Denken (die unweigerlich und unvermeidliche egozentrische Wahrnehmung der Welt, die ja auch ein “ich/wir vs. die anderen” konstituiert, spielt bei ihm anscheinend keine Rolle), reproduziert dieses Schema aber selbst immer wieder.
    Zudem scheint er nicht ganz begriffen zu haben, dass Parteien ja gerade als kollektive Akteure, die einen gemeinsamen Willen formulieren, gedacht sind. Das lässt vermuten, dass sein Anliegen für eine Partei gänzlich ungeeignet ist, denn die Abschaffung des Parteigedankens durch eine Partei taugt bestenfalls für Satireprogramme.

    Weit gravierender finde ich allerdings, dass HIN seine Einlassungen mit scheinbar bedeutungsschwangeren Wörtern spickt (Machtstruktur, “Umstände und Mechanismen, die Menschen in ein System der strukturellen Gewalt zwängen”), wohl um seine im Kern recht schwache Argumentation zu maskieren (das erinnert schon fast an den Rückgriff auf auctoritates, insofern ist HIN ein mittelalterlich denkender Progressiver;)). Das wird dann auch noch mit einer erheblichen Dichte an orthographischen, syntaktischen und Flexionsfehlern verunstaltet; auch handwerklich muss eine gute Position gut gemacht sein!

    Am Ende zeigt HIN dann noch, dass er es mit liebgewonnenen Feindbildern wohl doch ganz gut aushalten kann. Barth-Bashing aus der Deckung ist natürlich einfach, aber jemandem ins Gesicht zu sagen: “Du bist Scheiße und Deine Fans intellektueller Abschaum, mit dem ich nichts zu tun haben will!” schon ein wenig schwieriger. Da schließt sich eine seiner eigenen Fragen direkt an: Respektieren wir unsere Unterschiede und Neigungen (auch wenn ich freilich immer nur dazu raten kann, sie zu tolerieren)?

    Es führte zu weit, alle vermeintlichen Schwächen seines Pamphletes zu diskutieren, deshalb schlussfolgere ich gleich. HIN macht auf mich den Eindruck, als sei er enttäuscht, dass er die existenten linken Parteien nicht mehr guten Gewissens wählen kann. Er scheint ohnehin eine sehr diffuse politische Identität zu haben. Das ist in der Sache nicht schlimm, aber in der konkreten Erscheinung seines Artikels schlecht umgesetzt. Es ist eine axiomatische Feststellung, dass wir unsere sprachliche Haut nicht abstreifen können. Das zu bemängeln, ist Humbug und ein fast schon traditionelles Missverständnis HINs Linksintellektueller (wen auch immer er damit meint).

    P.S.: HIN nimmt zudem nicht ausreichend zur Kenntnis, dass seine Idee in konsequenter Umsetzung eine Vervielfachung bzw. Demokratisierung psychischer Störungen bedeutet, da das Identitätskonzept ganz grundlegend für den gesunden Geist ist. Es ist ja gerade die Unfähigkeit, sich selbst, Raum und Zeit zu fokussieren, die eine Schizophrenie ausmacht (die Idee der multiplen Persönlichkeit ist ein Klischee und eher ein eigenes Krankheitsbild).

    • Ob es in der Tat essentiell zur Schizophrenie gehört, sich selbst, Raum und Zeit fokussieren zu können, lasse ich mal dahingestellt. Jedoch hast du Recht, dass es mindestens bei gewissen Schizophrenien Teil des Krankheitsbildes ist. Dass das Konzept, das Hin zeichnet, solche Störungen vervielfacht, würde ich nicht sagen, doch könnte ich den dahinterstehenden Gedanken verstehen. Ich wäre mir einfach nicht so sicher.

      Ich teile deine Kritikpunkte, da auch ich es für essentiell halte, von Identität, auch von politischer, sprechen zu können. Wir können nicht umhin, einige Menschen zu kategorisieren, um eine allgemein verständliche Bezeichnung für Menschen gewisser Ansicht zu haben. Wir können nicht leugnen, dass einige Menschen gleiche Ansichten haben!
      Doch denke ich, dass in solch einem Konzept der “Multitude” auch etwas steckt, was ich auch an Rawls “Recht der Völker” momentan kritisiere (ich bin noch nicht fertig, daher noch unter Vorbehalt): Warum muss man Politik immer aufgrund von Zusammenfassungen führen? Wäre es nicht möglich, es Individuen bei zu belassen? Auch Rawls spricht hier davon, dass auf internationaler Ebene, analog zum vernünftigen Pluralismus auf gesellschaftlicher Ebene, eine Gesellschaft wohlgeordneter Völker gebildet wird. Diese wären die Akteure. Warum nicht bei einer von Individuen geführten Politik bleiben?
      Ich kenne die Schwierigkeiten, dass Diffusion der Positionen und endlose Debatten folgen könnten. Eine Diskussion mit so vielen Teilnehmern sei unmöglich, so die Kritik. Ich bin noch nicht fertig mit meinen Gedanken zu dem Thema, aber so recht verwerfen möchte ich die Idee nicht, dass eine partizipativere oder direktere Demokratie möglich ist.

  2. Agent Fishgang

    Jedenfalls bei BLEULER ist das ein ganz wichtiger Punkt der Seelenspaltung. In der Fachliteratur (z. B. SCHARFETTER, TÖLLE, ICD-10, DSM-IV) löst der Begriff Schizophrenie zwar Unbehagen aus, doch dass der Betroffene eine Störung seiner Ich-Abgrenzung erlebt, ist unbestritten. Der Diagnoseschlüssel nach ICD-10 (Typ F20 ist Schizophrenie) ist da eindeutig.

    Das mit der Vervielfachung dieser Störung war tatsächlich polemisch gemeint und nicht als beweiswürdige Kausalität.

    Es ist zwar auch schon zwei Semester her, aber RAWLS war doch dieser Vertragstheoretiker, der das Politische auf die Vernunft und gegenseitige Fairness zurückführen wollte, oder? Die Kosmopoliten haben dabei ein schlichtes Problem: die direkte Demokratie funktioniert tatsächlich nur in der polis, wo die Zahl der Akteure und entscheidungsrelevanten Informationen überschaubar ist. Außerdem braucht es dann noch genügend Besitz, um genügend Zeit zu haben, sich mit all dem zu beschäftigen, statt arbeiten zu müssen. In einem Artikel des IASSIST Quarterly (Vol. 19:3 (1995)) las ich dazu kürzlich, dass man beim Internet nicht vom information highway, sondern ocean sprechen sollte. Hier eine nützliche Information zu finden, kann sehr mühsehlig sein. Aber das läuft Gefahr, off topic zu geraten.

    • Ja, Rawls ist der Vertragstheoretiker. Allerdings beschreibt er ein System, das gerade die Anzahl der Akteure begrenzen möchte. Praktisch nur die, die als vernünftig angesehen werden, dürfen mitreden (auf gesellschaftlicher sowie internationaler Ebene). Er würde dir zustimmen, dass internationale Politik nur mit Volksvertretern möglich ist.
      Die Einwände, die du auch nennst, verstehe ich, doch ich möchte es noch nicht gleich verwerfen. Ich muss dazu noch mehr lesen, ob es Argumente dafür gibt, dass auch eine auf Individuen basierende Politik – mithin eine direktere Demokratie, keine reine direkte Demokratie – möglich ist.

      In Bezug auf das Internet ist es wohl eine stimmige Beschreibung, dass die Daten im Internet eher einem “ocean” entsprechen. Vielleicht auch einem Knotensystem, aber das müsste man genauer untersuchen.

      PS: Sorry für die späte Antwort, dein Kommentar fiel irgendwie aus meinem Gedächtnis…

  3. Hallo,

    danke für das Interesse an meinem Artikel :) Aber mein ganzer Nachname ist Chan Hin. Kein Doppelname. Schreibt man so.

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