Natur vs. Gott? – Teil II

Der erste Teil hat sich mit dem Verständnis der Auslegung einer wichtigen alttestamentarischen Bibelstelle zur Homosexualität auseinandergesetzt. So richtig klar konnte uns noch nicht werden, wie Bischof Overbeck die eindeutige Sündhaftigkeit der Homosexualität begründen möchte. Was machen wir damit also?

Um das klar sehen zu können, müssen wir einen allgemeinen Umstand bei der Interpretation alttestamentarischer Vorschriften beachten: Gemeinhin ist nämlich die Auffassung der christlichen Lehre, dass viele der Vorschriften aus Mosis Zeiten mit Jesus’ Opfertod hinfällig geworden sind. Dazu zählen vor allem die Opfervorschriften. Warum also sollte gerade die Vorschrift zur Homosexualität, sollte sie denn eindeutig sein, übernommen werden? Es wäre wenigstens dann klar, dass sie übernommen wird, wenn die neutestamentarischen Autoren sie wiederholen.

Hier wir häufig der Römerbrief angeführt:

Gottes Zorn enthüllt sich vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten. Ist doch, was sich von Gott erkennen läßt, in ihnen offenbar; Gott selbst hat es ihnen kundgetan. Denn sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit der Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen. Sie sind darum nicht zu entschuldigen, weil sie trotz ihrer Erkenntnis Gottes ihn nicht als Gott verherrlichten und ihm nicht dankten, sondern sie verfielen in ihren Gedanken auf Nichtigkeiten, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. Sie rühmten sich, weise zu sein, und sind zu Toren geworden. Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Abbild der Gestalt von vergänglichen Menschen, von Vögeln, Vierfüßlern und Gewürm. Darum überließ sie Gott der Unreinheit, nach der ihr Herz gelüstete, so daß sie gegenseitig ihre Leiber schändeten, sie welche die Wahrheit Gottes gegen die Lüste eingetauscht hatten und nun dem Geschöpf Verehrung und Anbetung erwiesen anstatt dem Schöpfer, der hochgelobt ist in Ewigkeit. Amen! Deshalb überließ sie Gott den schimpflichsten Leidenschaften. Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Geschlechtsverkehr mit dem widernatürlichen. Ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in ihrer Begierde gegeneinander: Männer trieben mit Männern Unzucht und empfingen so den gebührenden Lohn für ihre Verirrung. Weil sie es verwarfen, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, überließ sie Gott einer verworfenen Gesinnung, so daß sie taten, was sich nicht geziemt, und nun angefüllt sind von jedweder Ungerechtigkeit, Bosheit, Habgier, Schlechtigkeit, voll von Neid, Mordlust, Streitsucht, Hinterlist, Niederträchtigkeit. Sie sind Ohrenbläser, Verleumder, Gotteshasser, Frevler, Stolze, Prahler, erfinderisch im Bösen, unbotmäßig gegen die Eltern, unverständig, treulos, lieblos, erbarmungslos.  (Römerbrief 1, 18-27)

Man liest hier scheinbar klar heraus, dass die Menschen Unzucht trieben und dies Gott nicht zum Gefallen wäre. Doch wiederum ein genaues Wortverständnis legt ein differenzierteres Bild nahe: Die Frauen und Männer gaben sich dem “widernatürlichen Geschlechtsverkehr” hin. Wir können, setzen wir voraus, dass jemand von Natur aus homosexuell oder heterosexuell ist, interpretieren, dass Gott nur etwas gegen widernatürlichen Geschlechtsverkehr hat. Also: Wenn ein Heterosexueller sich seiner Natur widersetzt und homosexuell verkehrt oder ein homosexueller Mensch gegen seine Überzeugung/Veranlagung heterosexuell verkehrt.1 Es würde mithin bedeuten, dass diese Menschen unverantwortlich mit sich umgingen, aber Gott verantwortliches Handeln von jedem verlange. Gott diesen Anspruch an die Menschen zuzusprechen, wäre m.E. nicht besonders begründungsbedürftig.

  1. Dieses Argument habe ich vom Ökumenischen Arbeitskreis Homosexualität und Kirche e.V. []

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