Die taz hatte vor ein paar Tagen ein Interview mit Sahra Wagenknecht von der Linken. Sehr lesenswert, wenn auch einige Fragen ziemlich dämlich sind:
Haben sich Ihre politische Anschauungen seit 1990 gar nicht verändert?
Darauf antwortete Wagenknecht:
Na ja, wer sich in zwanzig Jahren überhaupt nicht verändert, ist wohl ziemlich borniert. Ich habe mich ja erst in den letzten zehn Jahren intensiv mit moderner Ökonomie befasst, ich verstehe den Kapitalismus heute viel besser als früher. Aber die Grundüberzeugung, dass Kapitalismus Kriege produziert, Armut und soziale Kontraste, warum hätte ich die verändern sollen?
Sehr interessant ist auch folgender Ausschnitt:
1992 haben sie noch den Mauerbau gerechtfertigt, jetzt klingt das anders. Wann hat sich Ihr DDR-Bild verändert?
Es ist nicht grundsätzlich anders als früher. Ich habe Anfang der Neunziger einfach bestimmte Sachen weggelassen. Ich habe nie gesagt: Die Bespitzelung der Leute durch die Stasi war sinnvoll. Ich habe einfach nichts zur Stasi gesagt. Die Mauer habe ich schon damals als “Übel” bezeichnet …
… als “notwendiges Übel”.
Haben Sie mit Anfang zwanzig nicht auch manchmal Sachen gesagt, die Sie heute nicht mehr gedruckt sehen wollen? Ich ging damals davon aus, dass es keine Alternative zur Mauer gab. Heute meine ich, es hätte eine geben müssen.
Ihnen ist also nie ein Licht aufgegangen?
Warum diese Frage? Frau Wagenknecht hatte direkt in der Antwort enthalten, dass ihr klar geworden ist, dass die Mauer keine Lösung war. Auch einige andere Fragen sind leicht tendenziös, scheinen ihr immer wieder eine vermeintlich diskreditierende DDR-Freundlichkeit unterstellen zu wollen. Aber sie reagiert souverän und es bewegt sich alles im Rahmen.

Keiner tritt dem anderen zu sehr auf die Füße. Das Interview ist im Großen und Ganzen ziemlich lahm. Als MdB kann Frau Wagenknecht ja auch nicht so sehr auf den Putz hauen. Hier und da mal etwas rotlackiertes Gutmenschentum muss schon reichen. Sie ist halt so überzeugt, wie es ihr der Erhalt das Bundestagsmandates erlaubt. Wenn sie richtig aufdrehen könnte (Kommunistische Plattform, unbedingte Solidarität zu Chavez und Konsorten) würden sich die Fragen sicher anders lesen.
Nichtsdestotrotz halte ich sie für eine der ganz wenigen, die jenseits der verstaubten und bis zum Erbrechen wiedergekäuten Begrifflichkeiten des 19. Jh. (Arbeiterklasse, Produktionsmittel etc. gähn) Antikapitalismus auf reichlich fundiertem Niveau betreiben.
“Ich habe mich ja erst in den letzten zehn Jahren intensiv mit moderner Ökonomie befasst, ich verstehe den Kapitalismus heute viel besser als früher. ”
Mich würde interessieren, ob sie es wirklich getan hat, oder ihre Vorurteile überwogen und sie nur nach weiteren Argumenten gegen den fiesen “Kapitalismus” gesucht hat. (Ob bewusst oder nicht, ist mir egal.)
Natürlich ist das die Frage. Ich denke, es lässt sich in dem Interview aber nicht klären.