Ist der Mensch nichts?

Oft schon hat sich der Mensch den Kopf darüber zerbrochen, was er ist, was ihn ausmacht. Man sprach von einem “Mängelwesen” (Gehlen), von einem “exzentrierten Wesen” (Plessner), vom “nicht festgestellten Tier” (Nietzsche) oder vom “zoon politikon” (Aristoteles). Viele Namen wurden gegeben, viele Charakterisierungen getroffen. Man hat sogar schon gesagt, der Mensch sei einfach nicht festzulegen und in dieser Flexibilität einzigartig (in gewisser Weise war das Teil vieler moderner Erklärungsversuche). Auch, dass der Mensch sich selbst zum Problem werden müsse, damit er überhaupt als Mensch gelten könne, wurde gesagt (Hans-Eduard Hengstenberg). Doch hat es immer wieder neue Ansätze gegeben und es wurde immer wieder neu versucht.

Eigentlich sind damit alle Antworten gegeben. Jeder kann sich eine “aussuchen” und wer es sehr offen haben möchte, geht mit Hengstenberg oder Plessner mit und bestätigt, der Mensch sei darin Mensch, dass er nach sich selbst suche. Was kann noch kommen? Das einzige, was noch als Antwort fehlt ist, dass der Mensch eigentlich nichts ist. Es gibt ihn nicht und es wird ihn nie geben, da er nicht eindeutig definiert werden kann.

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7 comments


  1. Dass A nicht eindeutig definiert werden kann, heißt doch nicht unbedingt, dass es A nicht gibt!?

  2. Ich habe nicht gesagt, dass die Position logisch korrekt wäre. Ich meinte nur, dass das das einzige wäre, was ich mir noch als neue Position vorstellen könnte.

    Ich meine, Descartes hat in seinen Meditationes auch zweifelsfrei nachgewiesen, dass es Gott gäbe (dabei folgt er ja z.T. dem Beweis Anselms von Canterbury). Trotzdem wird er als wichtiger, einflussreicher Philosoph angesehen. Von daher: Logisch oder fachlich schiefe Positionen sind in der Philosophie nicht unbedingt Kriterium zum Ausschluss. ;)

  3. Akim

    Was ist der Mensch? – Eine der wohl interessantesten philosophischen Fragen; nicht zuletzt, da sich eine zufriedenstellende Antwort kaum finden lässt. Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht:

    1. Was ist überhaupt eine Definition?
    Offenbar ist eine Definition ein (mehr oder weniger) exaktes sprachliches Gerüst, um einen Begriff einerseits inhaltlich von anderen trennen zu können sowie andererseits ihn bei Auftreten des Definierten zuordnen zu können.
    Bei leblosen Objekten scheint dies in aller Regel leicht: Man bezieht sich auf körperlich wahrnehmbare Eigenschaften wie Aussehen, Beschaffenheit, Geruch usw. als auch auf abstrakte Eigenschaften wie Verwendungszweck oder Herkunft.
    Doch auch hier sind endgültige Definitionen genauso wie in den Naturwissenschaften (vor allem in der Biologie) nicht möglich. Da die Objekte Änderungen unterliegen (unter anderem des Verwendungszwecks), müssen Ergänzungen oder Umformulierungen der Definition stets zugelassen werden.

    Warum aber fällt es so schwer, eine einigermaßen zutreffende Definition des Menschen zu erstellen? Es liegt meiner Meinung nach an einer wichtigen Komponente von Definitionen, die oftmals vernachlässigt wird: Jede Definition braucht einen fundamentalen Zweck bzw. ein fundamentales Ziel. Die erste zentrale Frage sollte lauten: Was will man mit ihr erreichen bzw. ermöglichen?
    Sucht man nach einer biologischen Einordnung des Menschen oder doch eher nach einer abstrakt philosophischen? Je nachdem, wie man fragt, erhält man eine Antwort. Folgendes ist jedoch keine Antwort:

    2. Zitat von Addliss:
    “Man hat sogar schon gesagt, der Mensch sei einfach nicht festzulegen und in dieser Flexibilität einzigartig [...]”
    Das ist erstens falsch und zweitens widersinnig. Diese Flexibilität liegt zwar sicher vor, ist aber sicher nicht einzigartig. Es ist lediglich so, dass keine Einigkeit über den Zweck der Definition des Menschen existiert (siehe 1.), aber gleichzeitig der Frage eine hohe Bedeutung zugesprochen wird. Man prüft daher bei jeder Rohfassung einer potentiellen Definition: ‘Wurde der Mensch damit umfassend und exakt charakterisiert?’ und muss aus oben genannten Gründen stets verneinen.

    Anders formuliert: Der Frage nach einer Definition wurde kein klarer Rahmen bzw. keine Grenze gesetzt – eine Antwort ist daher nicht möglich und bisherige Ansätze sind insofern lediglich interessante Fragmente, deren Nützlichkeit sich noch zu zeigen hätte.

    3. ‘Der Mensch ist nichts.’
    Ich denke, dass man diesen Ansatz durchaus vertreten kann. Der Mensch ist vermeintliches Produkt einer langen Evolution und daher losgelöst von teleleogischen Gesichtspunkten, wie sie unterschwellig aber oft mitgedacht werden. Nietzsche schreibt: “Dadurch, dass man sich viele Tausend Jahre lang die Sachen (Natur, Werkzeuge, Eigenthum jeder Art) ebenfalls belebt und beseelt dachte, mit der Kraft zu schaden und sich den menschlichen Absichten zu entziehen, ist das Gefühl der Ohnmacht unter den Menschen viel grösser und viel häufiger gewesen, als es hätte sein müssen [...] – und hier ist der Ursprung der meisten abergläubischen Gebräuche [...]” (Morgenröte)
    Solange sich der Mensch hiervon nicht befreien kann, wird er auch vergeblich nach umfassenden Definitionen des Menschen suchen.

    4. Descartes hat die Existenz Gottes nicht zeigen können – zumindest, wenn man sich an die konventionelle Logik hält. Nur, weil Descartes es geschrieben hat, muss es ja nicht als Bestandteil der Philosophie gelten. Logischer Ungereimtheiten sollten jedenfalls nicht ohne Weiteres geduldet werden.

  4. Akim

    Anmerkung:
    Im dritten Absatz ist die Rede von ‘teleologischen’ Gesichtspunkten.

  5. Ich ziehe in Zweifel, dass die Definition, der Mensch sei in seiner Flexibilität einzigartig, keine hinreichende Definition sei. Ich verstehe nicht ganz, warum er nicht einzigartig in diesem Punkt sein soll. Wie ist deine Argumentation? Mir ist der Punkt nicht so offensichtlich, wie du ihn behandelst.

    Davon abgesehen: Du sagst, der Mensch sei losgelöst von teleologischen Gesichtspunkten, da er das Produkt einer langen Evolution sei. Ist es nicht so, dass wir Tiere oder Pflanzen auch definieren können, ohne ihrer Existenx teleologische Grundannahmen zu unterstellen?

    Ich möchte darauf hinweisen, dass die Bemerkung zu Descartes’ Gottesbeweis selbstverständlich ironischer Natur war. Dieser Beweis, der, wie gesagt, Anselm von Canterbury z.T. folgt, ist ein Scheinbeweis auf formaler Ebene, der von inakzeptablen Prämissen ausgeht.

  6. Akim

    1. Zitat von Addliss:
    “Man hat sogar schon gesagt, der Mensch sei einfach nicht festzulegen und in dieser Flexibilität einzigartig”
    Hinsichtlich dieser Flexibilität ist er nicht einzigartig – sonst gäbe es keine Änderungen in Naturwissenschaften wie z.B. Physik oder Biologie. Modelle ändern sich und damit auch Definitionen.
    Und selbst wenn es nur beim Menschen Änderungen und Unklarheiten dieser Art gäbe, wäre das ein rein formaler Aspekt, also eine Erklärung, die sich bereits auf einer Meta-Ebene abspielt und nicht Bezug auf das eigentliche Objekt nimmt.
    Falls du die Flexibilität des Menschen, auf seine Umwelt entsprechend reagieren zu können, meinst: Auch das ist nicht einzigartig, nur – im Gegensatz zu anderen Tieren – oftmals mit mehr Intelligenz und bewusster Planung verbunden.

    2. Die Losgelöstheit von teleologischen Aspekten bezog sich vor allem auf Gehlens Definitionsansatz. Da der Mensch (vermutlich) aus der Evolution hervorgegangen ist, benötigt er gar keine vorgegebene Richtung. Der konventionelle Ansatz geht eher von einer zielgerichteten Entwicklung aus.
    Es gibt Definitionen, die nichts von “Ziel” oder Ähnlichem enthalten – das sehe ich genauso. Wenn man aber eine möglichst neutrale Definition des Menschen sucht, muss man tiefer ansetzen, als es meist geschieht, denke ich.

    3. Das Wichtigste meiner Argumentation bleibt jedenfalls, dass der Suche nach einer Definition klare Grenzen gesetzt werden müssen, da sonst unvermeidlich unzufrieden im Dunkeln getappt wird.

  7. Achso, ich verstehe nun deinen Punkt mit der Flexibilität. Nun, da magst du Recht haben. Vielleicht ist meine Satzstellung auch einfach missverständlich.

    Und im zweiten Absatz hast du Recht: Es wird gemeint, man müsse auf eine Meta-Ebene wechseln, um den Menschen beschreiben zu können, da das eigentliche Objekt nicht zu beschreiben ist. Man versucht, verschiedene Zugangsebenen zu bekommen: den Menschen über Kultur definieren, über Verstand, Sprache oder sonstwas.

    Deine Kritik an Gehlen kann ich völlig verstehen. Es ist auch mein Hauptkritikpunkt an seiner Anthropologie.

    Ich möchte außerdem nicht, dass du zu viel Gewicht in eine Bewertung dieses Artikels legst. Ich habe ihn in 5 Minuten runtergeschrieben und er beinhaltet einfach nur Gedanken, die ich zu dem Zeitpunkt hatte. Die Ansätze der Philosophen sind ja sowieso nur angerissen und in keinster Weise adäquat ausgeführt…

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