Harald Lesch (der im übrigen schon seit alpha Centauri ein von mir sehr geschätzter Popular-Physiker ist) fehlen ein wenig die Begrifflichkeiten in der Statistik und Ethik, aber im Grunde hat er Recht. Er schneidet es im Beispiel mit der Familie an:
Der Fehler erster Art ist, wenn die Familie im See einbricht und ertrinkt. Der Fehler zweiter Art ist, dass die Familie unnötig um den See herumgeht, obwohl er begehbar wäre. Der Fehler erster Art ist in jedem Falle zu umgehen – reine Statistik.
Im Bereich der Ethik geht es um die Nutzung der (statistischen) Wahrheitstabellen (nicht im logischen Sinne). Angenommen, der Hype Klimawandel ist berechtigt und wir richten uns danach, reduzieren die Emissionen. Dann ham wir was gewonnen. Angenommen, einige (!) Klimaskeptiker haben Recht und wir richten uns danach, ändern also nichts an unseren Emissionen. Dann bleibt alles beim Alten.
Angenommen die gleichen Klimaskeptiker haben Unrecht, aber wir richten uns danach und ändern nichts. Dann könnte es ganz schön mies aussehen für uns. Angenommen der Hype um den Klimawandel wäre unberechtigt, aber wir reduzieren unsere Emissionen, da wir es nicht genau wissen. Dann haben wir nicht viel verloren, auch wenn es etwas unnötig sein sollte.
Die Tabellen ausgeschrieben haben für jede Position 4 Wertekombinationen (wahr – wir richten uns danach, wahr – wir richten uns nicht danach, falsch – wir richten uns danach, falsch – wir richten uns nicht danach). Und auch hier gilt es ganz nach statistischen Gesichtspunkten den Fehler erster Art zu vermeiden.
Ich selbst bin auch nicht so sehr überzeugt von den Berechnungen bzgl. zukünftiger Klimaentwicklung, da das Ökosystem Erde so unendlich komplex ist. Ich traue einfach keinem Menschen zu, es mittels Computersimulation darzustellen und Prognosen zu stellen. Ich störe mich auch daran, dass Theorien als Tatsachen dargestellt werden. (Hier sollte man einmal darüber diskutieren, inwiefern Wissenschaft doch etwas mit Meinung, Interpretation und Glauben zu tun hat.) Dennoch sehe ich es wie Herr Lesch: Wir haben eigentlich keine Wahl. Wir müssen verantwortlich handeln.
Es ist ein Sicherheitsargument, ja, und Sicherheitsargumente sind manchmal übertrieben (z.B. wenn man pauschal alle Egoshooter verbieten will, damit man einen Effekt auf die Aggressivität der Menschen ausschließen möchte). Doch hier halte ich das Argument für berechtigt und gut begründet, denn ganz aus der Luft gegriffen sind die Berechnungen der Wissenschaftler doch nicht.
via [Gedankenpflug]
Das Beispiel mit der Familie und dem See ist hübsch, aber hey …das hat John Lennon schon gewusst:
Think of what you’re saying
You can get it wrong and still you think that
It’s all right
Think of what I’m saying we can work it out
And get it straight or say good night
Da interpretierst du Lennon aber ganz schön stark. Ich sehe die Verbindung zu dem Beispiel mit der Familie nur über Umwege. Aber Umwege spielen ja auch da eine Rolle…
Moment. Das Beispiel mit der Familie bezieht sich doch darauf, daß man den einen Weg einschlagen kann, der zwar falsch (oder ein Umweg oder gar völlig unnötig) ist, also um den See herum, obwohl das Eis getragen hätte, aber man dabei nicht viel verliert. Man kann aber auch alle Warnungen vor vielleicht brüchigem Eis ignorieren und sich damit ins Unglück stürzen. Genau so auch die Klimadiskussion. Wenn man den warnenden Stimmen zuhört, ist das vielleicht unnötig, aber der Mensch verliert auch nichts, wenn er umweltschonende Technologien erfindet. Machen wir aber nix, dann kann das gut gehen oder aber das Eis bricht.
Dementsprechend passt olle John schon ganz gut
Ich glaube, ich verstehe jetzt, was du meinst. Ich musste den Johnny noch mehrmals lesen, aber du hast schon Recht.
Mensch, was uns die alten Klassiker alles noch lehren können…
1. Vorsicht! Du sprichst vom Fehler erster und zweiter Art. Wenn du schon diese Begriffe der Statistik verwendest, dann fehlt da noch einige Erklärung, wie du diese hier einordnest. Weißt du, warum man den Fehler erster Art i.d.R. vermeiden möchte bzw. was die beiden Fehler konkret unterscheidet (formal als auch inhaltlich)? Warum ist es überhaupt sinnvoll, zu unterscheiden – ist das Testproblem mathematisch betrachtet denn nicht symmetrisch? (falls dir die Sachen nicht klar sind, kann ich helfen)
2. Deine Tabellenbeschreibung ist mir nicht ganz klar. Es gibt widersprüchliche Felder (wahr-falsch: “wir richten uns danach”-”wir richten uns nicht danach”). Ich gehe davon aus, dass ich dich einfach falsch verstanden habe – wie ist es richtig zu verstehen?
3. Das Analogon mit der Familie greift meiner Meinung nach nicht völlig. Ich würde es so ergänzen: Man steht mit seiner genervten und minderbemittelten Frau und seinen zwei kleinen Kindern vor der genannten Entscheidung. Allerdings befinden sich mitten auf dem Eis ein paar vereinzelte Jahrmarktstände, die die Kinder unbedingt sehen möchten. Außerdem bemerkt man, dass bei dem Umweg links um die Eisfläche Wölfe auflauern und bei einem Umweg rechts herum drei Ganoven mit geladenen Gewehren. Wofür entscheiden Sie sich?
Zur Erklärung: Die Frau steht stellvertretend für die einflussreiche Gesellschaft bzw. deren Eigenschaften für die Bereitschaft und Kompetenz dieser. Die Kinder sind der Mittelpunkt der Gesellschaft und ihr Wunsch ist eine hohe Lebensqualität. Die Wölfe stehen für wirtschaftlich-technischen Rückschritt, die drei zwielichtigen Wegelagerer für andere Staaten, die sich eventuell die nachteilige Lage zu Nutze machen könnten.
Welche Gegenargumente gibt es?
4. Zitat von Addliss:
“Angenommen der Hype um den Klimawandel wäre unberechtigt, aber wir reduzieren unsere Emissionen, da wir es nicht genau wissen. Dann haben wir nicht viel verloren, auch wenn es etwas unnötig sein sollte.”
Wir verlieren dabei eventuell sehr viel – und das bezieht sich auf wirtschaftliche Produktivität und Effizienz sowie Lebensqualität und Außenpolitik.
Zum Fehler erster und zweiter Art: Ich als statistisch halb gebildeter (was ich einräumen muss) unterscheide zwischen dem Fehler erster und zweiter Art ganz einfach nach dem Kriterium, bei welchem Fall die meisten negativen Konsequenzen (oder die qualitativ negativsten) auftreten.
Ich habe am Wochenende in einem Gespräch auch mitbekommen, dass meine Tabellenbeschreibung unklar war. Was ich sagen wollte: Es entstehen 4 Fälle, die man nach Konsequenzen betrachen muss.
a) die Klimaskeptiker haben Recht (“wahr”) und wir handeln nach ihren Ratschlägen
b) die Klimaskeptiker haben Recht (“wahr”) und wir handeln nicht nach ihren Ratschlägen
c) die Klimaskeptiker haben Unrecht (“falsch”) und wir handeln nach ihren Ratschlägen
d) die Klimaskeptiker haben Unrecht (“falsch”) und wir handeln nicht nach ihren Ratschlägen
Dies wollte ich in Tabellenform ausgedrückt wissen mit den zwei Spalten “wahr” und “falsch”, zu denen jeweils zugeordnet wird, wie wir handeln.
Deine Erweiterung des Bildes ist natürlich richtig, doch Lesch reduziert es ein wenig. Da kann man verschiedener Meinung sein, ob er das tun sollte. Einerseits versucht er natürlich, an die Menschen ranzukommen, indem er es nicht so kompliziert macht. Andererseits kann es natürlich auch verfälschend sein, wenn man es zu sehr herunterbricht.
Zum 4.: Die Frage ist hierbei, wie viel wir an Lebensqualität, Produktivität und Effizienz verlieren sowie ob das nicht ein geringer Preis dafür wäre, das weitere Überleben zu sichern (wenn man denn davon ausgeht, dass dies hilft).
1. Die Tabelle ist mir jetzt klar; ich hatte auch genau diese Form vermutet, nur erkennbar war es eben nicht.
2. Deine Beschreibung der statistischen Fehler geht in Ordnung, nur bin ich der Meinung, dass die Einordnung in die reale Situation etwas fragwürdig bzw. problembehaftet ist. Falls dich statistische Fehler usw. mehr interessieren, sag Bescheid.
3. Lesch (und jeder andere) kann seinen Vergleich wählen, wie er möchte – jeder Vergleich vereinfacht schließlich. Ich stelle nur in Frage, dass damit die wichtigsten Aspekte beleuchtet oder schlimmer wesentliche Gegenargumente ausgeblendet werden. Wenn man zudem bedenkt, dass Lesch in dem Moment für eine Änderung des Verhaltens in Bezug auf CO2-Emissionen plädiert (und er ist ein Vertreter der Wissenschaft), ist sein Beitrag nicht harmlos.
4. Ich gehe fest davon aus, dass eine wesentliche Senkung von CO2-Emissionen (bzw. ähnliche Projekte) eine spürbare Verringerung der Lebensqualität (nach westlichen Maßstäben) unmittelbar zur Folge hätte. Der Grund liegt darin, dass praktisch jede wirtschaftliche Tätigkeit direkt oder indirekt auf einer Ressourcen-Transaktion mit “der” Natur beruht. Ich sehe es ähnlich, dass der “Preis” der Änderung in Hinsicht auf mögliche Alternativen vertretbar ist, doch verstehen viele nicht die politische Bedeutung:
5. Eine Umstellung der Wirtschaft wäre mit erheblichen Kosten verbunden. Der Staat sieht sich sogar gezwungen, besondere Subventionen anzubieten, um überhaupt umweltfreundlichere Technologien umsetzen zu können. Kosten bedeuten auch (zumindest kurz-/mittelfristige) Effizienzeinbußen, die anderen Ökonomien eventuell fundamentale Vorteile verschaffen. Das hat zur Folge, dass eine grundlegende Verhaltensänderung gleichzeitig von vielen Staaten und in ähnlichem Umfang vorgenommen werden müsste. Wer aber sorgt für die Umsetzung und Kontrolle? Welche Anreize bestehen gegen eine ehrliche Umsetzung? Die Antwort ist leicht und ernüchternd.
6. In Wahrheit wollen die meisten Menschen gar keine Umstellung der Wirtschaft. Spätestens, sobald ihnen die Folgen ansatzweise bewusst werden, sind sie dagegen.
Ich sehe nicht, dass jede wirtschaftliche Leistung auf einer Ressourcen-Transaktion mit der Natur beruht. Das müsste man sich genauer ansehen.
Außerdem sehe ich nicht jede Ressourcen-Transaktion als etwas problematisches an, denn Transaktion kann auch bedeuten, dass man etwas nimmt und etwas anderes zurückgibt. Das soll nicht romantisch verklärt klingen, sondern eher beschreiben, wie Ressourcen-Management sinnvoll betrieben werden kann.
Sicher wäre eine Umstellung der Wirtschaft mit erheblichen Kosten verbunden. Doch andererseits birgt sie auch wieder Chancen, sich weiter zu entwickeln. Gerade jetzt, wo man nicht mehr weiß, wo man hin expandieren soll – und unsere Wirtschaft beruht ja auf Wachstum – wäre es eine Möglichkeit, sich der biologischen, umwelttechnischen oder sonstwie gearteten Weiterentwicklung zu widmen.
OK, aber mit dem Punkt hast du Recht: In Wahrheit wollen die meisten Menschen gar keine Umstellung, sobald ihnen die Folgen bewusst werden. Doch daran muss man arbeiten. Und wenn sie nicht wollen, kann man nix machen. So fatalistisch das klingt – es ist schlicht und ergreifend so.