Es ist schon sehr seltsam, was in unserer Welt alles vorgeht. Bei Nerdcore las ich gerade, was der Guardian berichtet: In Haiti laufen ca. 60km von der Erdbebenzone immer noch Kreuzfahrtschiffe ein, die Urlauber dorthin bringen. Diese schlürfen dann Cocktails, sonnen sich oder fahren Jet Ski. Gibt es etwas unsensibleres?
Sicher kann man sich nicht um jeden kümmern und man muss auch mal Urlaub machen. Aber gerade jetzt? Gerade auf Haiti? Das ist doch ziemlich zynisch! Verantwortlich dafür ist laut Guardian Royal Carribean International.
Wenn man allerdings weiter liest, wird erwähnt, dass die Kreuzfahrtschiffe auch Hilfsgüter wie Reis, Bohnen, Konserven, Milchpulver und Wasser mitführen. Zudem wurden die Passagiere aufgefordert zu spenden. Royal Carribian hat kurzfristig 1 Million Dollar für Hilfe zugesichert, die hauptsächlich für die eigenen haitianischen Crew-Mitglieder. Außerdem arbeitet das Unternehmen schon jahrelang mit Hilfsorganisationen wie “Food for the Poor” zusammen. Ganz untätig ist man also nicht, ein fader Beigeschmack jedoch bleibt.
The Guardian | Cruise ships still find a Haitian berth

Eine kleine orthographische Anmerkung zu Beginn: Das Unternehmen schreibt sich Royal Carribean International.
Nun zur Sache selbst. Natürlich ist es problematisch, dass die Fahrten nicht unterbrochen werden. Aber wer entscheidet, wann eine Katastrophe die Welt aus Mitleid in Ehrfurcht erstarren und alle Geschäfte anhalten lässt? Zwar helfen schlaue Sprüche wie “Das Leben muss doch auch irgendwie weiter gehen.” nicht. Allerdings bringt die bedingungslose vita contemplativa, die jegliche Handlung wohl abwägt und dann tolle Alternativen in der Theorie anbietet nicht viel.
Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass das Engagement von RCI durchaus bemerkenswert ist. Allein eine moralische Verpflichtung scheint das Unternehmen ja zu diesem Schritt bewegt zu haben. Selbst wenn’s nur sei, um das schlechte Gewissen zu beruhigen – eine Million ist eine Million. Warum das Geld fließt, ist den Haitianern sicherlich herzlich egal. Viel interessanter finde ich in diesem Zusammenhang, dass sich unsere Bundeskanzlerin vor kurzem bei einem regionalen, um nicht zu sagen provinziellen, Parteiauftritt erbarmte und großzügige 10 € für Haiti spendete, so dass die Gesamtsammlung an diesem Tag auf ca. 700 € kam. Dass sich die regionalen Medien entblödeten, diese Peinlichkeit auch noch zu erwähnen, ist mir schwer verständlich.
Tourismus hat oft damit zu kämpfen, dass er auch in Teilen der Welt stattfindet, in denen es Gründe gäbe, ihn zu unterlassen. Das scheint mir aber kein distinktes Problem des Tourismus’. Die Folgen des Erdbebens sind nur temporär, Armut ist in Haiti aber permanent. Man könnte analog formulieren: Cocktails schlürfen, während die Einheimischen unter äußerst suspekten Hygienebedingungen leben.
Essenz: Die von RCI eingeleiteten Schritte halte ich – unabhängig von der Motivation – für wichtig und gut. Dass es ein schlechtes Timing ist, scheint mir eine lässliche Sünde.
Ich sehe es ähnlich wie du, da ich nicht (wie Nerdcore) verschwiegen habe, dass Royal Carribean International (jetzt korrigiert
) sich engagiert.
Zudem ist es ja auch vielleicht besser, wenn die Fahrten weiter stattfinden, da die Haitianischen Mitarbeiter weiterhin ihren Job behalten und Geld verdienen. Das ist für diese Menschen sogar wohl wichtiger, als aus moralischen Gründen ihren Job zu verlieren.
Ich wollte eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass ich mich dabei seltsam fühlen würde, wenn ich ein Urlauber wäre und dass es auch als Mitarbeiter sicher nicht so einfach ist, zu entscheiden, ob man da mitspielt oder nicht.