Günther Jauch – Zeitzeugen des Antisemitismus

Liebe Marina,

ich hätte viel zu dem Thema zu sagen, möchte aber deine Kommentare nicht zuballern, daher versuche ich hier etwas zu der Sendung und deiner kleinen Rückschau zu sagen.

Es ist eine sehr gewagte Sendung gewesen, die ich in ihrem Konzept auch nicht ganz verstanden habe. Das Problem ist nämlich, dass etwa die Hälfte (!) der Sendung dafür draufgeht, dass man den Hintergrund aller Gäste geklärt hat. Das ist wichtig in solch einer Sendung, damit das Publikum überhaupt weiß, welche Beziehung der jeweiligen Personen zum Thema besteht. (nach Erving Goffman: Es muss der soziale Rahmen geschaffen werden.) Ich fand die Geschichte von Frau Lasker-Wallfisch auch spannend und irgendwie bewegend (“irgendwie”, das wäre zu lang, es zu erklären!), Marcel Reif und Christian Berkel sind auch Personen, von denen man das nicht unbedingt weiß. Vor allem, dass Berkel in Der Untergang auf der Nazi-Seite spielte, war interessant.
Andererseits ist das einfach mal die Hälfte der Sendung, sodass ich mich irgendwann einmal fragte: Kommt da noch mehr? Leider kam etwas zu wenig, da muss ich den Kritiken der Presse insgesamt Recht geben. Das Argument der WELT (ständig Wiederholen) ist nicht stichhaltig, denn es geht nicht um Wiederholung, sondern um Verstehen und Bewusstsein. Es geht darum, Strukturen zu erkennen, Einzelschicksale helfen auch, sodass man versteht und sich bewusst ist, was und wie Antisemitismus/Rassismus ist sowie wie beides verhindert werden kann.

Weiterhin dürfte klar sein, dass das Thema in einer einstündigen Sendung nicht hinreichend behandelt werden kann. Doch andererseits (vielleicht in den Pressekritiken erwähnt) sollte man sich als Günther Jauch dann fragen, ob man die Sendung dann wirklich macht oder ob man sie in einer Extended Version (2 Stunden) veranstaltet. Dann kommt man tiefer in das Thema hinein.
Die Krux ist, dass man dann vielleicht die Sendezeit nicht gefüllt bekommt, weil sich alle zu einig sind. Mir persönlich wurden auch zu viele Allgemeinplätze verbreitet, zu viel gesprochen. Ich möchte dich ungern noch weiter betrüben zusätzlich zu die Kritiken, doch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus hat nicht wirklich stattgefunden. Was soll man auch zu solch einem Blödsinn sagen, dass es heutzutage noch Antisemiten und Rassisten gibt? Wer kann denn so etwas verstehen? Keiner der geladenen Gäste hat einen fundierten Einblick bieten können, d.h. man hätte zu der Extended Version noch einen oder zwei Politikwissenschaftler oder Religionswissenschaftler(?) gebraucht, um über die Wurzeln eines möglichen Rassismus sprechen zu können. Es gab gar keine Plausibilisierung, dass es überhaupt Rassismus gibt. Genau damit hätte man sich dann auseinandersetzen können.

Die Studie, die Jauch mit 20% latentem Antisemitismus zitiert, ist ebenfalls grenzwertig. Denn sie hat auch abgefragt, ob sich Menschen in irgendeiner Weise kritisch zu Juden und zur Israelpolitik äußern. Es wurde mir aber nicht klar, ob das jetzt auch zu Antisemitismus gezählt wurde in der Auswertung. Sehr schwammig – aber dann bekommt man nämlich auch 20% Antisemitismus hin, wenn man alles Mögliche hereinrechnet. Die Studie ist aber recht kompliziert, denn sie versucht durch verschiedene Items Korrelationen zwischen Kritik an Israels Außenpolitik und antisemitischen Einstellungen herauszufinden. Mir ist noch nicht ganz klar, ob ihr das tatsächlich gelungen ist.
Schlimm, dass ich das jetzt betonen muss, aber sonst werde ich vielleicht angefeindet: Natürlich will ich keinen Antisemitismus verteidigen und nicht die Forschung darüber kritisieren, sondern nur darauf hinweisen, dass auch die Differenzierung, die du in der Sendung angesprochen hast, möglicherweise fehlt. Ich fände das ebenfalls wichtig.

Um das aber abzurunden, etwas sehr Positives: Gut, dass die Diskussion darüber versucht wurde anzustoßen. Gut, dass du dabei warst als “junge Generation” und auch deine Äußerungen waren klug. Alle Kritik der Presse musst du zudem aus Pressesicht verstehen. Systemtheoretisch betrachtet, muss die Presse etwas melden. Es muss etwas passiert sein und sei es, dass es “zu langweilig” war. Das ist auch eine Meldung wert. Wenn viel gestritten wurde, kritisiert sie, dass “zu viel negative Stimmung gemacht wurde und man zu keinem Ergebnis kam”. Also völlig egal, es kann negative Kritik in der Presse herauskommen, aber das ist nicht die Wichtigste, die du bekommen wirst. Nimm’ dir die Presse nicht zu sehr zu Herzen, denn natürlich beurteilt sie die Sendung und nicht dich. Sie beurteilt auch nicht die Menschen, sondern sie beurteilt von außen, welche soziale Relevanz und welches Spannungspotential in der Sendung steckte. Das war tatsächlich gering bei dieser Sendung, aber das ist ok, denn wie du richtig und gut formulierst: Sie pflanzt einen Samen in den Kopf des Zuschauers, wo er wachsen kann.

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Politik, Wirtschaft & Gesellschaft , , , , , , , ,

5 comments


  1. Berta Brahmer

    Habe die Sendung “Thema verfehlt” auch gesehen (durchgehalten bis zum Schluß, der leider fehlte) und bestätige dennoch und deshalb gern deine gesamte Einschätzung und besonders dies mit Nachdruck:
    “Gut, dass die Diskussion darüber versucht wurde anzustoßen. Gut, dass du (gemeint Marina) dabei warst als “junge Generation” und auch deine Äußerungen waren klug.” –
    wenn auch der Jauch nicht begriff oder nicht begreifen wollte, mit welcher prüfend-kritischen Distanz Frau Lasker-Wallfisch, eine gestandene, gübte und als starke Persönlichkeit auftretende interessante aussagefähige echte “Zeit-Zeugin”, regelmäßig die jüngste Person in der Runde mit den klugen und bedachten reifen Worten (voller gleichzeitiger Anmut) beobachtete – Hier war der Einstieg in ein echtes und knisterndes Gespräch zum Thema angeboten, der jedoch anscheinend nicht in die für Jauch bekannte “präzise vorbereitete” starre Ablaufkonzeption paßte.

    Selbst unter Zustimmung zu deiner Feststellung “Es ist eine sehr gewagte Sendung gewesen, die ich in ihrem Konzept auch nicht ganz verstanden habe.” (!!), sollte deutlich auch das noch ausgesprochen werden:
    Die unbelegbaren verallgemeinernden und hier nicht hinterfragten Jauchschen (in der Art fast trivialen) Einschätzungen und dahergesagten Gemeinplätze entsprechen weder dem Niveau eines Jauch, noch dem von ihm (!) gewählten Thema, noch dem Anspruch einer Einladung an Lasker-Walfisch, noch einer zeitgemäßen Gesprächagestaltung, da der Ablauf letztlich nicht über das Konzept einer dahintrottenden Protokollveranstaltung mit versuchtem fragwürdigem weil viel zu dickem störenden pastoral-präsidialem Gestus hinaus fand und wohl nicht einmal den persönlichen Erfahrungen der Gäste annähernd nahe kam.
    Denke mal einfach, davon versteht Herr Jauch halt nicht so viel.

    Dazu ist mir sowohl das Thema wie auch das Schicksal der geladenen Gäste zu schade, weil soetwas geeignet ist, Langeweile junger Leute am Problem zu manifestieren, ja sogar herbeizuführen.
    So etwas geht bitte heute nicht mehr. Ich habe mich während der ganzen Sendung gefragt, ob da Jauch oder Gottschalk sitzt.
    Als Moderator habe ich das Thema auch emotional gestaltend zu führen und in jedem Fall den Eindruck der lexikalen Aura zu vermeiden, hier soll niemand “Millionär werden” ! Das ist hier ein anderes Fach, erst recht keines für blanke vodergründige Betroffenheitsmimik.
    Wollen wir Jauch dennoch für den Versuch danken.

    Sehr deutlich wirst du, addliss, hier:
    “Nimm’ dir die Presse nicht zu sehr zu Herzen, denn natürlich beurteilt sie die Sendung und nicht dich. Sie beurteilt auch nicht die Menschen, sondern sie beurteilt von außen, welche soziale Relevanz und welches Spannungspotential in der Sendung steckte. Das war tatsächlich gering bei dieser Sendung, aber das ist ok, denn wie du richtig und gut formulierst: Sie pflanzt einen Samen in den Kopf des Zuschauers, wo er wachsen kann.”

    Ja, trotz der in der – zum Thema unpassenden kathedralen – Aura des Studios verschwurbelten “sozialen Relevanz” mit mehr und mehr abnehmendem Spannungspotential (trotz dieser Gäste), auch gut erkennbar an dem fast unbeteiligten mühseeligem Auftreten des Moderators, ist der Marina tatsächlich zu danken, daß sie das Anliegen dieser / solcher Themenwahl stattdessen selbst auf den Punkt bringt:
    “…pflanzt einen Samen in den Kopf des Zuschauers, wo er wachsen kann.”
    Ich frage mich, wann Jauch nun das Thema (“Zeit” plus “Zeugen” des “Antisemitismus” !!) bringt, denn das Thema will ja nach dieser Ankündigung auch gearbeitet werden, will auch einen erlebbaren Schluß finden.

    “… wir sehen uns wieder am nächsten Sonntag um ….” (Übergang zur Tagesordnung 0815) kann ja wohl nicht als Schlußwort stehen bleiben.

    • Danke für deine intensive Beschäftigung mit dem Thema und auch für deine Zustimmung. Mir gefällt, wie du auch neue Gedanken”windungen” mit hineinbringst. Vielleicht ist Jauch wirklich nicht die richtige Person, um solch eine Sendung zu leiten. Das mag ich aber gar nicht beurteilen, dazu kenne ich ihn einfach zu wenig als Moderator.

      • Angelika Dörre

        Danke für Eure Kommentare zu dieser Sendung und der Presse. Die Sendung habe ich auch gesehen und ich habe vor allem aufgenommen, was die Gäste gesagt haben und fand das gelungen. Es sind eben unterschiedliche Erfahrungen, die die Menschen entweder im privaten oder im öffentlichen Bereich machen. Und m.E. ist die Summe aus Erfahrungen “das Leben” und nicht irgendeine offizielle Darstellung. Zu Jauch kann ich nur sagen, man sollte auch beachten, dass er jahrelang Stern-TV gemacht hat. Das prägt! Außerdem ist der Sonntagabend in der ARD mit einer Sendung mit Jauch besser besetzt als mit irgendwelchen TV-Schnulzen.

      • Berta Brahmer

        Der Dank ist mehr auf meiner Seite:
        Habe schon überlegt, ob ich der Einzige bin, der sich während der gesamten Saendung über das etwas verquaste Stückwerk geärgert hat und wo ich diesen Ärger samt der positiven Erscheinungen abladen kann – da fand ich deine Replik “an Martina” – und fand genau diese Form samt Inhalt sehr dfazu passend …
        “Verquast” sage ich in dem Wissen, daß bei langjährigen TV-Profis wie G. Jauch auch “verquaste” eben noch professionell verquast werden und das deshalb nicht so schnell ins Auge fällt, mir fiel es – in beide Augen, besonders wenn ich ihn ansah: So dauerbetroffen leer möchte ich auch mal können …
        Was für eine Freude, da die beiden “Diamanten” der Show, die beiden Frauen in ihrer unterschiedlich (!) ehrlichen und klugen Art zu erfahren:
        Zwei Arten des Umgangs mit diesem Thema, und beide kommen von ganz weit drinnen …

  2. Berta Brahmer

    @Angelika Dörre / 8. Februar 2012 at 18:21:
    Es geht mir nicht darum “für oder gegen” Jauch, oder etwas anderes am Sontagabend-TV, es geht hier darum, daß viele Gebührengelder der Zuschauer ausgegeben werden, um solche (!!) Themen im TV zu sichern. Da ist es völlig deplaziert, schlecht recherchierte bzw. fragwürdig erhobene Umfrageergebnisse zur PRÄGUNG zu machen, indem HERR Jauch sie benutzt – obwohl genügend andere auch gegeben wären, allerdings defiziler gemachte. Bereits alle anwesenden Gäste gaben zu verstehen, daß dies sogenannten Umfrageergebnisse nicht ihren Erfahrungen entsprechen, sie hoben es sogar mehrfach hervor – nur Herr Jauch ging darauf – nicht ein. Was soll das? Solche Sendungen darf man ruhig auch mit “sozialer Intelligenz” machen und nicht wie bei “wer wird Milionär” und “ich sage hier, welche Antwort richtig ist”, oder wie “Jetzt machen wir mal eine Große Sache JAUCH zu diesem Thema, und das am Sonntag abend” und lassen den klugen Oberlehrer und Wunschschwiegersohn der Nation den komischen Deutschen mal einen richtigen JAUCH-SPIEGEL vor die Nase halten – so wird nischt, liebe ARD, das ist genau der Weg, der zu dünn ist dafür, zu selten und zu schwach zum Andocken, für die, die es am meisten brauchen: die ganz jungen Zuschauer, die “face”-klucker, denn: Auf facebook ist dazu nichts zu erwarten …
    Aber das macht Arbeit, die Sendung so herzustellen und zu führen, viel ernsthafte Arbeit.
    Und: DerVeranstaltungs-Dom eignet sich hervorragend für “Wetten daß..”, aber nicht für solche Themen, die tief nach innen sollen.
    Nun, die Gäste haben Herrn Jauch dennoch ja gut über die Runden geholfen.

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