Ein toller, literarischer, poetischer Text von Johnny auf Spreeblick:
Bei einem großartigen Stück Musik weinen, die Fantasie und Wortgewandtheit eines Autors bewundern. Tollen Kindern beim Großwerden zusehen, albernen Quatsch mit ihnen machen, versuchen, ihnen „Gerechtigkeit“ zu erklären. Danach ein Kartenspiel gegen sie verlieren ohne zu schummeln. Im Netz auf eine Seite stoßen, die vor Liebe zum Detail nur so strotzt, auf Gleichgesinnte treffen, auf Menschen treffen, die den eigenen Horizont erweitern. Eine reizende Mail bekommen, eine nette Mail schreiben. Lustige und kluge 140 Zeichen lesen. Lustige und kluge 140 Zeichen schreiben. Verheiratet sein. Die Herbstluft schnuppern, in einen Blätterhaufen springen. Sich betrinken und am nächsten Tag ausschlafen. Über ein Grafitti staunen. Jemandem helfen. Sich helfen lassen. Feststellen, dass das selbstgemachte Essen gar nicht mal so schlecht schmeckt. Etwas richtig verstehen, das man seit Jahren falsch verstanden hat. Faulen Sex haben, wilden Sex haben. Sich darüber freuen, dass man niemanden, und zwar niemanden in der herumliegenden GALA kennt. Den Fernseher nur noch zum Videospielen oder Filmeschauen nutzen. Jemanden lieben, der einen liebt. Etwas völlig ungesundes lecker finden. Sich bei jemandem entschuldigen. Sich nach einer tollen Frau umdrehen. Etwas neues lernen. Ohne schlechtes Gewissen rauchen. Regen spüren. Ein Lächeln von einer oder einem Fremden bekommen und es erwidern. Erfolg nicht am Kontostand messen. Tränen lachen. Beim Betrachten eines Fotos einen Kloß im Hals haben. Ein Missverständnis aufklären. Papierflieger bauen, die zwei Saltos schaffen. Jemandem einen guten Tag wünschen und das auch meinen. Eine alte Lieblingsplatte wieder hören. In billigen Klamotten gut aussehen. Sich etwas teures und gutes leisten. Eine Idee haben und zugeben, dass jemand anderes die bessere hatte. Sich streiten und danach versöhnen. Älter werden und es toll finden. Mit Türken Tee trinken, sich von Chinesen China erklären lassen. Geld verdienen mit dem, was einem Spaß macht. Sich vornehmen, glücklich zu sterben. Keine Angst haben. Den Müll aus seinem Leben entfernen. Sich selbst nicht über Dritte definieren. Machen, nicht meckern. Umsetzen, nicht ankündigen.
Das Tolle: Es kann noch so viel hinzugefügt werden, was auch die Kommentatoren tun, obwohl es schon vollständig wirkt. Man beachte hier auch: Bis jetzt 1045 Tweets! Mich freut, dass die Menschen so etwas wertschätzen können.
Danke, Johnny!
via [Spreeblick]

Jup, Johnny hat Recht. Das moderne zivilisierte Leben ist schon ziemlich öde und langweilig, oder?
Ich versteh’ den Kommentar nicht.
Ist dir nicht aufgefallen, dass praktisch alles, was er aufzählt, vollkommen banale Dinge sind? Unser Leben ist bereits so langweilig, dass wir unser “Glück” in Nebensächlichkeiten suchen (und auch finden). Dazu kommt dann noch eine durch Vorurteilen begründete Alltagsmoral.
Ist alles neutral gemeint.
Ich denke, dass es hier gerade um die Wichtigkeit des scheinbar Banalen geht. Es geht um Dinge, die man im ersten Augenschein als unwichtig und alltäglich ansieht, allerdings vergisst, welche Bedeutung sie haben und welches Glück sie hervorrufen können. Und so banal finde ich einige Sachen im Übrigen sowieso nicht.
Nur einzelne Beispiele dazu:
“Sich bei jemandem entschuldigen.”
“Eine Idee haben und zugeben, dass jemand anderes die bessere hatte.”
“Ein Lächeln von einer oder einem Fremden bekommen und es erwidern.”
Solche Dinge erfordern manchmal wirklich Mut, Überwindung und Willen, sind nicht so einfach zu bewältigen. Wie gesagt: manchmal.
Und um das gleich vorwegzunehmen: Ich wollte etwas gegen diese Rosa-Blümchen-Welt-Einstellung loswerden. In Wahrheit geh ich davon aus, dass der Artikel tatsächlich ernst gemeint ist.
Mehr als Klischees und Oberflächlichkeit seh ich darin allerdings ehrlich gesagt nicht.
Jeder mag den Artikel anders verstehen, aber ich sehe in ihm keine Rosa-Blümchen-Welt, sondern eher ein Stück Literatur, das eben erinnert. Klischees und Oberflächlichkeit sehe ich keineswegs – es erfordert schon eine Menge Beobachtungsgabe zu erkennen, dass diese Dinge wichtig sein können (nicht müssen, aber können).