Ich mache mir in letzter Zeit immer wieder Gedanken um Informationshandhabung, Distribution von Kultur und andere Dinge. Gerade wegen der Prozesse um PirateBay oder des Zugangserschwerungsgesetzes. Spaß macht das nicht immer. Zum einen natürlich wegen bewusster Missinformation seitens einiger Personen und Institutionen, andererseits ist es nicht einfach, eine gute Balance zwischen informationeller Selbstbestimmung und Vergütung von Künstlern oder Journalisten für ihre Arbeit zu finden. Johnny zerbricht sich zu ähnlichen Themen hier den Kopf.
Wir müssen überlegen, was wir mit der uns neu zur Verfügung stehenden Technik anfangen. Erst seit knappen 20 Jahren haben wir eine wirklich verbreitete Computerversorgung. Selbst heute gibt es noch Individuen ohne einen PC, Mac oder was auch immer ihr eigen zu nennen (was ich ganz wertfrei konstatiere). Andererseits haben sich mit Verbreitung der Computer in den späten 80ern und frühen 90ern große Fragen aufgetürmt: Wieviel Information braucht der einzelne? Wieviel Informationen muss man über sich preis geben oder wieviel davon gehören nur zur Privatsphäre bzw. sind datenschutzrechtlich relevant? Wie geht man mit einem Urheberrecht um, das nicht voraussieht, dass Information nahezu ohne physischen Aufwand jederzeit verfügbar ist? Unterscheidet das Urheberrecht der Zukunft noch zwischen Original und Kopie? Ist das möglich?
Johnny spricht davon, dass “Hacker” bzw. Internetnutzer der ersten Stunde beseelt waren von einem Geist der uneingeschränkten Freiheit von Informationen. Jeder solle jegliche Informationen unentgeltlich abrufen können. Ein Kommentator erwidert, dass es dort nicht um völlige Informationsfreiheit ginge, sondern darum, dass, wenn Informationen veröffentlicht würden, dann bitte für jeden. Es ginge also um einen Gleichheitsgedanken, um die Bekämpfung der Schichtengesellschaft, wie sie in der physischen Welt (aka Wirtschaft) existiert.
Es geht hier auch um moralische und ethische Entscheidungen bzw. Einstellungen. Johnny spricht es an, als er auf die Veröffentlichung der Ermittlungsakten eines ermordeten Geschwisterpaares bei PirateBay geht. Sollte hier die informationelle Freiheit im Vordergrund stehen (zumal die Akten in Schweden nach Verfahrensabschluss sowieso zur Verfügung stehen, laut Johnny) oder sollte man Rücksicht auf die Eltern der getöteten Kinder nehmen? Das ist nur marginal eine rechtliche Entscheidung, vielmehr eine moralische.
Dazu muss man auch noch etwas tiefer graben. Ich möchte gern die Frage in den Raum stellen, ob Informationen per se moralisch sind oder ob sie sich nicht vielmehr der Grundunterscheidung gut/böse entziehen. Moral wird von Friedrich Nietzsche ziemlich gut analysiert und frei ihm folgend, meine ich behaupten zu können, dass der Welt keine Moral zugrunde liegt, sondern dass sie von uns geschaffen wird. Wir können jedoch nicht ohne sie. Sie ist für uns ein wichtiges Instrument, um die Welt differenzieren sowie beurteilen und Handlungen ausführen zu können.
Ein wichtiger Punkt ist auch, wie die Menschen jetzt im Verhältnis zur Information stehen. Erst durch uns bekommen sie ja eine Bewertung und erst dadurch sagt der eine:
Jeder sollte Ermittlungsakten sehen können, daher ist das gut!
und der andere:
Die Menschen ist doch pietätlos, so etwas öffentlich zu zeigen!
Nun, auch wichtig ist hier, zu betrachten, wie das große, (vermeintlich) anonyme Internet in dieser Beziehung steht. Im Prinzip geht es also um eine Triade: Information – Mensch – Medium. Und Triaden haben es immer an sich, dass sie instabil sind. In dualen Beziehungen muss sich nur ein System an das andere anpassen, wenn dies sich verändert. Hier müssen das aber zwei Systeme leisten und auch noch weiterhin in Harmonie zueinander stehen. Dass das problematisch werden kann, lässt sich leicht einsehen.
Die Komponente Internet kommt jedoch nicht ohne den Menschen aus. Das Abstraktum Anonymous ist ein Phänomen, das viele als bedrohlich, andere als spannend und positiv bewerten. Das hängt auch vom eigenen Menschenbild ab, ob man den Menschen als “von Natur aus gut” (z.B. nach Jean-Jaque Rousseau) oder “von Natur aus böse” (z.B. nach Thomas Hobbes) einstuft.
Letztlich geht es hier um nicht weniger als die Herausbildung einer neuen Ethik, wenn man es konsequent betrachtet. Im “real life” hat sich eine gefestigte Ethik innerhalb von Jahrtausenden herausgebildet. Für die westliche Welt war es die jüdisch-christliche Grundlage, die zwar nicht perfekt, jedoch handhabbar war und ist. Wenn sich die Regeln jedoch ändern – und das tun sie durch und in der Virtualität ohne Frage – , können die bisherigen Regeln nicht ohne Einschränkung oder Erweiterungen gelten. Die vergangenen 20 Jahre reichten bei weitem nicht aus, ein angemessenes, für eine große Gemeinschaft zu akzeptierendes und funktionierendes System von Regeln zu entwickeln. Wie sollte das auch so schnell geschehen?
Wenn wir davon ausgehen, dass geniale Denker solche Regeln erschaffen, z.B. Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ: Eine Netzgemeinde kann innerhalb von 20 Jahren nur wenige solche Denker hervorbringen. Und die müssen sich nicht einmal zwingend mit ethischen Themen so eingehend beschäftigen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Regeln von einer “Gemeinschaftsintelligenz” geschaffen werden – “trial & error” und viele zusammengetragene Erfahrung – reicht die Erfahrung einfach noch nicht aus. Es gab noch nicht genug Erfahrungen, da die Netzgemeinde bisher doch z.T. recht überschaubar war, auch wenn sie sich in den letzten Jahren sprunghaft entwickelt hat.
Es ist an jedem von uns, Regeln zu erstellen, oder sie sich selbst entwickeln zu lassen, indem man sich immer wieder fragt: Was ist sinnvoll? Womit kann ich leben? Womit kann der andere/die Umwelt leben? Es könnte mühsam werden, doch es lohnt sich.

Pingback: Freie Kommunikation – und alles für alle » Addliss