In Freiheit, Gleichheit, Datenschutz erwähnte ich bereits Gedanken, die ich mir um Informationshandhabung mache. Ich weiß nicht genau, ob es mir möglich ist, all diese Gedanken in einem Artikel zu skizzieren. Das würde vermutlich zu lang und/oder diffus. Ich wurde durch den ehemaligen Bundesvorsitzenden der Piratenpartei Dirk Hillbrecht allerdings mal wieder daran erinnert, dass im Urheberrecht noch einiger Handlungsbedarf besteht.
Dirk bezieht sich im Eintrag Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet — Vordenker der Piratenpartei auf ein Interview mit Dieter Bohlen bei Johannes B. Kerner im Jahre 2007. Dort konstatiert Bohlen, dass sich mit Plattenverkäufen kein Geld mehr verdienen lasse und dass man die Technik ja nunmal habe – also solle man auch die kostenlosen Downloads nicht kriminalisieren. Erstmal eine gute Überlegung soweit, denn Jugendliche zu kriminalisieren ist wirklich keine gute Idee.
Andererseits sehe ich dort immer noch ein Problem. Wenn man sagt
Mit Platten kann man heute kein Geld mehr verdienen. […] Deshalb gehen die jetzt alle auf Tournee weil das Tourneegeschäft läuft ganz toll und alle Leute downloaden das — die Musik.
kapituliert man vor der Macht der Menschen, die einfach nichts für die Musik zahlen wollen. Eine ähnliche Meinung vertritt ja der liebe René von Nerdcore – man solle realistisch werden und erkennen, dass man die Entwicklung nicht aufhalten könne.
Doch was ist die Macht der Menschen? Ihre Macht ist, etwas nicht zu kaufen und dessen trotzdem habhaft zu werden. Es missachtet, meiner Meinung nach, dass ein Künstler schon mit der Platte richtig viel Arbeit hatte. Um die Plattenlabels geht es mir nicht primär, zumindest die großen sind einfach aufgeblasene Unternehmen – keine wirklichen Labels mehr, sondern marktwirtschaftliche Unternehmen, bei denen das System Kunst in das System Wirtschaft nur soweit integriert wird, wie es für wirtschaftlichen Erfolg relevant ist. Mir geht es vielmehr um die Künstler, die sich monatelang den Arsch aufreißen, um eine tolle, innovative, gut klingende oder wie-auch-immer Platte (aka CD, Download) fertig zu stellen. So etwas halte ich für ungerecht.
Schon oft las ich Kommentare wie: “Wer die Musik wirklich schätzt, zahlt auch dafür.” Doch hier liegt, meiner Ansicht nach, ein kleiner Denkfehler begraben. Die Menschen messen Musik einfach einen unterschiedlichen Wert zu. Die Arbeit eines Künstlers wird nicht von jedem gleich bewertet (was übrigens ok ist). Wenn ich aber einem Hammer einen geringeren Wert zumesse, weil ich ihn selten benötige, als der Gerüstbauer, der ihn jeden Tag benötigt, ändert das nichts daran, dass ich trotzdem 10 Euro zahlen muss – wie der Gerüstbauer auch. Sicherlich sind kulturelle Güter von anderer Beschaffenheit als handwerkliche o.ä., doch halte ich es trotzdem für unfair, wenn nicht für geschaffene Musik gezahlt wird, sondern nur für das Konzert.
Außerdem halte ich es für ein Problem, dass Musik einfach immer weniger Wert bekommt. Toll ist, dass viele sich Musik leisten können und in ihren Genuss kommen, da Downloadportale sie zu recht günstigen Preisen anbieten. Andererseits wird sie durch die Allgegenwärtigkeit in Fußgängerzonen, Supermärkten, Warteräumen usw. entwertet. Es ist das einfache Prinzip Angebot – Nachfrage. Wenn der Nachfrage immer mehr entsprochen wird, dann sinkt der Preis. Ich weiß nicht, ob eine künstliche Verknappung die richtige Antwort wäre, doch ich muss ehrlich gestehen, dass schlechte Musik mich immer nervt. Mit dem gestiegenen Angebot steigt nämlich selbstverständlich auch der Anteil der miesen und musikalisch einfallslosen Produktionen. Außerdem kann man sich mit den sinkenden Preisen immer mehr Musik leisten und schätzt den einzelnen Titel nicht mehr so sehr. Wenn ich im Monat 1000 Titel kaufe (was ich nicht tue
), höre ich einige Titel mit Sicherheit mit weniger Aufmerksamkeit als, wenn ich 500 kaufe. Da muss einfach etwas untergehen – zumal es zeitlich einfach unmöglich ist, diese ganze Musik, die es inzwischen gibt, wirklich genau kennen zu lernen. Ich merke es immer wieder bei mir selbst: Ich bin froh, wenn ich meine Musik, die ich diesen Monat gekauft habe, in einem Extra-Ordner habe, damit ich sie noch mehrmals durchhören kann, bevor sie in meine allgemeine Sammlung geht. Dort wüsste ich nämlich nicht mehr, was neu ist und noch kennen gelernt werden will. Ich muss meine Musik als DJ ja ziemlich genau kennen – es ist eine Art “auswendig lernen”. Das ist ja nicht bei jedem so, doch in eine ähnliche Richtung geht es.
Abschließend komme ich noch einmal auf den Begriff Macht zurück: Sicherlich hat der Konsument eine gewisse Macht, die soll ihm auch zustehen. Doch Macht ist auch, etwas nicht zu tun, was man tun könnte, obwohl es der einfachere Weg wäre. Das ist Macht über sich selbst, die Versuchung und Egoismus. Da sollte man nochmal drüber reden.

Ich glaube, dass der von dir beschriebene Trend auf das zusammenschmelzen eines kulturellen Mainstreams zurückzuführen ist.
Das ist aus einer (vermutlich auch deiner?) Perspektive betrachtet eine katastrophale Tendenz, einerseits weil durch die vereinfachten Produktionsmöglichkeiten insgesamt größere Quantitäten entstehen, von denen dann bekannterweise der Großteil schlichtweg Schrott ist. Gleichzeitig lässt sich, wie du auch gesagt hast, kein Geld mehr mit traditionellen Vertriebsmethoden mehr verdienen und man ist entweder auf alternative Einnahmequellen oder den Verzicht auf “Aufwandsentschädigung” angewiesen.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist das allerdings insgesamt gar nicht so schlimm, da einerseits die von dir erwähnten aufgeblasenen Medienkonzerne in den Hintergrund gedrängt werden und andererseits durch die Zugänglichkeit zu Produktionsmitteln die unentdeckten Genies der Zukunft zum Zuge kommen.
Ich will einfach mal behaupten, es liegt eine konzeptionelle Schwäche in der Vorstellung, man müsse die Medienwelt, selbst in einem spezifischen Rahmen wie Musik, auf breiter Fläche tatsächlich so gut kennen, um qualitativ hochwertige Sachen daraus zu machen. Davon mal abgesehen, dass es eben auch gar nicht möglich ist, einen nennenswerten Anteil der Gesamterzeugnisse zu erfassen, ohne dem sein Leben zu widmen.
Das, was einen Großteil der Weltgesellschaft erreicht und bewegt, scheint dieser Zeit wieder andere Akteure zu finden. Die Plätze von MGM, Sony und Warner Brothers werden demnächst vollständig durch YouTube, WordPress und Wikipedia belegt, nur dass jetzt was die tatsächlichen Schaffenden betrifft kein nennenswertes Gewicht auf kommerziellen Erfolg gelegt wird. Insofern verändert sich auch seit Jahrzehnten die Rolle des einzelnen Werks weg vom prinzipiell wertvollem Erzeugnis richtung bloßem Element der globalen Kommunikation, das nur noch gelegentlich tatsächlich wichtig und gut sein kann. Wohingegen die darüberstehenden Organisationskonzepte wie YouTube, WordPress und Wikipedia, die Betriebssysteme und grafischen Oberflächen unserer Computer, die Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle in denen wir leben die großen, wertvollen und die Prioritäten bestimmenden Dinge sind, die für alle Teilhabenden Bedeutung haben – einfach, weil es gar nicht anders geht.
Mein Problem ist noch folgendes:
“…andererseits durch die Zugänglichkeit zu Produktionsmitteln die unentdeckten Genies der Zukunft zum Zuge kommen.”
Ich weiß nicht, ob diese wirklich zum Zuge kommen, wenn die Vertriebskanäle so diffus sind, dass möglicherweise nie jemand wirklich Notiz von ihrer Genialität nimmt. Da sehe ich die Gefahr.
In den Punkten Youtube etc. gebe ich dir Recht und finde es auch nicht so schlimm.
Es war auch vor der Zeit der digitalen und globalen Datenspeicherung keine Frage dessen, ob man in absehbarer Zeit oder sogar noch zu Lebzeiten wahrgenommen wurde. Gerade aber heute wird durch Aufbewahrung alles Geschriebenen, Gesagten und bald auch Gedachten irgendwo sicher gestellt, dass irgendwann jemand auch die Genies der Jahrtausendwende entdeckt und ihre Genialität anerkennt.
Zudem bin ich überzeugt, dass im Global Village mit den kurzen Informationswegen tatsächlich Herausragendes nicht wirklich lange brauchen dürfte, bis es vom Schlag eines Schmetterlingsflügels zum Sturm wird.
Da magst du Recht haben – dennoch entsteht eine Datenflut, die kaum zu beherrschen ist und wo die Menschen immer selektieren. Aber egal, sicherlich ist es immer so, dass die Menschen unterschiedlich selektieren…