Einer der erschreckenden Fakten aus einer aktuellen EMNID-Umfrage: 15% in Ost- sowie 16% in Westdeutschland fänden laut ihr, es könne nichts besseres passieren, als dass die Mauer wieder errichtet würde. 23 (Ost) respektive 24 (West) meinten, es wäre “manchmal wünschenswert”, die Mauer stünde noch.
Diese Ergebnisse und mehr erstaunliches via [FTD].

Das belegt doch, dass in unserer Gesellschaft viele politisch verantwortungsvolle Bürger leben… Moment … Zum Glück leben wir in einer repräsentativen Demokratie.^^
Ich hatte schon vorher von solchen Umfragen gehört. Mich würde noch unter anderem interessieren, mit welcher Begründung eine Mauer zurückgewünscht würde. Besitzen die entsprechenden Personen überzeugende Argumente oder ist es nur Ausdruck von Unzufriedenheit? Vielleicht setzen einige die Existenz der Mauer auch gleich mit dem Leben dieser Zeit; dann wäre es einigermaßen nachvollziehbar.
Ich kenne solche Umfragen ja, daher weiß ich: Für die Begründungen interessieren sich die Auftraggeber eher selten. Sie möchten oft einfach nur irgendein Faktum herausfinden.
Außerdem fiel mir in meiner Zeit in der Markt- und Sozialforschung auf: Es wird auch schwierig für viele, wenn sie Begründungen angeben sollten. Nur wenige, die sich wirklich mit dem Thema innerlich beschäftigt haben, konnten ihre Sicht begründen (und wollten dann aber auch unbedingt, selbst wenn es nicht gefordert war).
Bei dieser Umfrage hatte man ja eine Begründung impliziert: Wenn Arbeit, Solidarität und Sicherheit garantiert wäre, könnten sich die Leute mit einem sozialistischen Staat anfreunden. Die Menschen suchen nach Sicherheit und Arbeit (die ihnen Sicherheit bringt).
Die Herrschaften wollen die Mauer ja nicht wieder, weil sie es ganz wunderschön fanden, dass die Stasi Leute eingesperrt hat, wenn sie meinten, dass der real gelebte Sozialismus irgendwie doch nicht sooo toll sei. Sie sehnen sich eher nach einer imaginierten Sicherheit, die allerdings in der Vergangenheit liegt und damit hervorragend zum Mythos (Grundfrage: Wo kommen wir her?) dient.
Außerdem: Wer wird denn da gefragt? Jedes Methodenlehrbuch rät mir, für Meinungsumfragen mit allgemeinem Inhalt eine möglichst zufällige Stichprobe auszuwählen. Wären ehemalige Stasi-Häftlinge, zur Zeit des Mauerbaus getrennte Familien u. ä. gefragt worden, sähe das Ergebnis wohl deutlich anders aus.
Andere Fragen dieses Kalibers sind: 1. Halten Sie die Folter unter bestimmten Umständen für ein geeignetes Mittel, um an wichtige Informationen zu gelangen, die ein Verbrechen aufklären oder verhindern könnten (war aktuell im Fall M. Gäfgen)? 2. Könnten Sie sich vorstellen, die Todesstrafe in Deutschland für besonders schwere Verbrechen wieder einzuführen?
Bei wirklich zufälliger Stichprobenziehung wären ob des Ergebnisses wahrscheinlich einige schockiert, obwohl der kundige Sozialwissenschaftler nur müde mit den Achseln zuckend ein “So, what?!” hervorbringt.
Sicherheit ist immer gut und wenn sie auch nur eingebildet ist. Wenn’s der eigenen Sicherheit dient, scheinen zumindest die 38/40% der Umfrageteilnehmer eigentlich verpönte Verhaltensmuster wenigstens zu tolerieren.