Du sitzt in deiner vertrautesten Umgebung, niemand um dich herum. Viele Gedanken schießen dir durch den Kopf. Du genießt die Musik im Hintergrund. Eigentlich ist sie sehr vordergründig, wird jedoch immer wieder von deinen Gedanken und Assoziationen unterbrochen, wobei sie trotzdem präsent bleibt. Es ist etwas neues, gerade erst erschienen, doch erscheint es dir im Ton, in der Stimmung, in der Atmosphäre so vertraut, dass du glaubst, die Töne wären Worte eines Menschen, den du seit Jahren kennst. Kein Ton erschien dir zu einer solchen Situation angebrachter, es passt perfekt – und doch erinnerst du dich an schon viele solcher Situationen, in denen du nur dasaßt, die Zeit an dir vorbeiziehen ließt und von der Stimmung und der Musik berauscht warst.
Du denkst in solchen Momenten an vergangene ruhige Zeiten. Dir erscheinen sie aber nur heute größtenteils ruhig, denn gleichzeitig weißt du, dass viel Bewegung in ihnen steckte. Nur heute erinnerst du die vielen stillen Momente. Du kannst sie heute mental passieren lassen und erkennst, welche Stringenz ihnen innewohnte und was du alles hättest besser wissen und machen können. Es scheint, als hättest du dein Leben vergeudet, dabei zwar viel Schönes erlebt, aber trotzdem sei es gescheitert. Es war vor allem dein Leben, was irgendwie stolz und tröstlich stimmt, doch du hättest es retten, es verbessern können. Sicher gab es auch viele Fehler anderer Leute, die du nicht beeinflussen konntest. Doch diese Fehler ergaben sich auch aus Fehlern, aus Unvermögen, aus Blindheit deinerseits.
Ein Freund sagte dir einmal: „Hättest du nicht genau diese Fehler gemacht und wäre es nicht alles so gewesen, wie es war, wärst du heute nicht der, der du bist. Und so, wie du bist, bist du sehr gut.“ Mindestens „ok“, setzt du gedanklich hinzu. Du fandest den Spruch weise und warst glücklich damit, wenn mindestens „ok“ bist du ja. Doch jetzt erkennst du auch die Blindheit dieses Spruches: Selbst wenn ich so, wie ich bin, gut bin – könnte ich nicht besser sein? Könnte ES nicht besser sein? Hätte es für mich in der Vergangenheit nicht eine Zukunft gegeben, in der ich oder auch mein Lebensweg mit den Menschen um mich besser gewesen wäre?
Dir offenbart sich, dass es ganz klar mindestens eine Zukunft gab, die du dir momentan nur als Paralleluniversum denken kannst, die dir besser gefällt.
In diesem Moment fällt dir der pragmatische Einwand ein, dass man einfach mit dem Status quo umgehen muss, alles andere hätte keinen Sinn. Doch dieser Einwand verkennt, wie wichtig eine Vergangenheitsanalyse für die Gegenwart und die Zukunft sein kann. Zudem vergisst dieser pragmatische Ansatz den Menschen. Menschen identifizieren sich durch ihre Vergangenheit. Sie suchen nach sich selbst, versuchen sich fest zu stellen und auch neu zu orientieren. Sei es noch so sinnlos, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, gibt es manchmal Wege, sie wenigstens zu reparieren, indem man sich entschuldigt, alten Freunden oder Feinden einmal die Meinung sagt oder ihnen auch vergibt.
Du suchst nach einer Lösung. Kannst du deine Vergangenheit reparieren? Kannst du die Realität aus dem Paralleluniversum herbeiführen – wenn nicht komplett, so doch teilweise? Nichts ist in diesem Moment schwieriger. Und doch, und doch, erscheint dir die Parallelrealität die einzige zu sein, in der du existieren möchtest. Du glaubst nicht im geringsten an Schicksal, aber du hast das Gefühl, einige Teile der Zukunft aus der Vergangenheit seien dir vorherbestimmt gewesen. Sie seien dein Weg gewesen, sagt eine Ahnung in dir. Du hättest sie nur irgendwie umgangen. Oder jemand anderes hätte das Schicksal kurz außer Kraft gesetzt – sei es um dich zu ärgern oder es aus einer Laune heraus. Oder es hat niemand etwas getan, sondern es sind nur Schicksalsdeterminanten ausgefallen. Im System ist etwas schief gelaufen.
Du fragst dich, ob du das System kitten kannst. Unmöglich, erwiderst du dir selbst: Du hast das System noch nicht einmal erkannt, weißt weder ob es für jeden ein Schicksal gibt noch von welchen Determinanten und Variablen dein Weg abhängt, wenn nicht vom Schicksal. Heute wirst du keine Lösung finden, keine Erlösung. Vielleicht gibt es auch keine. Das, vermutest du, sei der wahrscheinlichste Fall. Vielleicht braucht man aber auch keine Erlösung. Vielleicht muss man das aushalten, damit klar kommen. Vielleicht ist man dann am erfolgreichsten, wenn man nicht den einen Weg sucht oder die eine Lösung, sondern an jeder Wegscheide oder jedem sich neu eröffnenden Weg das wählt und tut, was einem wichtig – am wichtigsten – ist. Man geht in sich, reflektiert, und versucht den bestmöglichen Weg zu nehmen, indem man zukünftige Möglichkeiten und vergangene Taten berücksichtigt. Wenn es sinnvoll erscheint, warum nicht auch erwägen, was das eigene Schicksal sein könnte?
Du akzeptierst, heute keine wirkliche Lösung zu finden, aber nimmst dir vor, in Zukunft immer den besten Weg zu wählen. Du genießt für den Moment nur noch die Musik und die Erinnerungen.
