Die neue Gesellschaft des Verstehens

Unsere Gesellschaft wird gern durch ein Paradigma gekennzeichnet: die Informations-Gesellschaft, die Wissens-Gesellschaft, die digitale Gesellschaft, die Spaß-Gesellschaft (schon vorbei) oder die unpolitische Gesellschaft. Ich möchte eine weitere sinnlose Schablone hinzufügen: Die Gesellschaft des Verstehens oder Verständnisgesellschaft.

Heutzutage scheint es wichtig zu sein, sich untereinander zu verstehen. Ging es früher noch leichter, dass man den anderen Fürsten einfach überfallen hat und seine Ländereien klaute. Wahlweise ließ man ihn auch umbringen. Auch Feindbilder waren in anderen Zeiten noch einfacher, nur ein Beispiel: Frankreich vs. England vs. Kolonien vs. Russland. Und alle vs. Nazi-Deutschland. Oder: West-Alliierte vs. Kommunismus. Undsoweiter.

Das ist ja jetzt alles nicht mehr so einfach, auch wenn es einige CDU- und FDP-Fraktionsmitglieder gern so hätten. Auch Polizeipräsidenten stehen gern mit einfachen Feindbildern schnell beifuß. Auch werden noch Feindbilder geschaffen, z.B. Linksradikale, die finden aber nicht mehr ganz so starke Verbreitung.

Unsere Gesellschaft ist grundsätzlich eher darauf ausgerichtet, Verständnis untereinander zu fördern, aufeinander zuzugehen. Das sieht man auch schon an der Bundeskanzlerin selbst: Sie ist schon länger eine Kanzlerin zwischen dem sozial interessierten und dem eher konservativen Lager der eigenen Partei. Sie spricht auch ständig (in hohlen Phrasen) davon, dass man “gemeinsame Lösungen” finden müsse.

Die Idee dahinter ist gut. Die Menschen sollten in einen Dialog (Pluralog) treten und sich verständigen. Gute Zusammenarbeit setzt gegenseitiges Verstehen voraus. Doch sollte man hier unterscheiden zwischen oberflächlichem Nachvollziehen und einem wirklichen Verstehen. Dass man sich in eine Person im Sinne des Wortes hineinversetzt, erfordert mehr als eine eigene Position zu haben und sich zu fragen, was man selbst in der Position des anderen tun, denken und sagen würde. Dazu gehört auch, den anderen zu berücksichtigen – nicht nur wie es wäre, wenn man selbst in der Situation wäre, sondern auch wie es wäre, wäre man die andere Person. Sicher kann man den anderen nicht alle Aspekte des Gegenüber nachfühlen, doch ist mindestens der Versuch nötig.

Was ebenfalls zu einer Gesellschaft gehört ist aber nicht nur das gegenseitige Verständnis, sondern auch die Konsequenzen daraus zu ziehen und noch Entscheidungen zu treffen. Es kann nicht bei einem “Schön, dass wir darüber gesprochen haben” bleiben. Es müssen Handlungen folgen. Und in den Handlungen müssen die Positionen der anderen berücksichtigt werden. Man kann dann nicht so tun, als hätte der andere nichts gesagt und strikt seinen eigenen Weg verfolgen. Dann fühlt sich das Gegenüber nicht verstanden und ist es tatsächlich auch nicht. Zum Verstehen gehört in diesem Fall, dass es Einfluss auf Handlungen hat. Gleichwohl muss auch die Gegenseite anerkennen, wenn berechtigte Ansprüche gestellt werden und Argumente vernünftig sind. Da gehört es für beide Seiten dazu, zurückstecken zu können.

Doch wie das so ist, kann man heute noch in keinster Weise davon sprechen, dass wir in einer Gesellschaft des Verstehens leben. Es wird stigmatisiert, sinnlos unvernünftige und übervorteilende Gesetze durchgeprügelt, die Bevölkerung unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung kriminalisiert, aus Profitgier entschieden, Menschen nicht zu Wort kommen gelassen und vieles mehr. Doch möglicherweise sind wir auf einem Weg des besseren Verständnisses, da immer mehr Menschen immer mehr Erfahrungen machen und sich immer besser in andere Personen einfühlen können. Das könnte zu einem neuen Miteinander führen.

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