Ich habe mal drüben bei Amy&Pink kommentiert, wo sich Marcel Winatschek über die deutsche Blogosphäre und deren Designs ausgelassen hat. Ich musste das wirklich mal auseinandernehmen, sorry. Da ich das interessant finde und den langen Kommentar nicht im Nirwana verschwinden lassen wollte, kopiere ich ihn einmal hier rein. Und dabei bin ich nicht einmal der Design-Freak…
Ich beachte mal, dass das ein Rant ist und Rants grundsätzlich undifferenziert und überzogen sind. Das sei dir zugestanden und geschenkt. Andererseits sollte man sich die Beispiele wirklich mal ansehen (ich gehe mal ähnlich vor wie du):
Caschys Blog ist ein Gadget- und Tech-Blog. Ganz wichtig dabei ist ein kubistisches und künstlerisches Design. Oder? Ich denke nicht. Die Übersichtlichkeit ist das Allerwichtigste dabei, denn es geht um Information. Unterhaltung findet man woanders. Man mag kritisieren, dass Caschys Blog wirklich kein besonderes Design hat, sondern eher wie ein Template von WordPress (abgesehen von der Header-Grafik) aussieht. Das ist aber die einzige Kritik, die in die richtige Richtung geht.
Der Vergleich mit The Verge, The Next Web und Wired ist natürlich völlig daneben, denn da stehen Teams dahinter, die einen Verlag hinter sich haben usw. usf. Da sitzt mindestens ein Designer, wenn nicht mehrere in Vollzeit dahinter und der hat mehrere Wochen Zeit, solch ein Design zu erstellen. Doch zugestanden, dass natürlich auch Caschy sich hätte inspirieren lassen können und wenigstens etwas mehr Einzigartigkeit hätte einbringen können.
Zum Thema Nerdcore: WTF? Nerdcore ist eine der geilsten, content-fokussiertesten Seiten ever! Und genau darum ist Nerdcore großartig.
EA? Eine millionenschwere Firma, die Computerspiele herstellt und vermarktet. Einfach hinsichtlich des Genres – warum sollte das mit Nerdcore vergleichbar sein?
The TrendNet sieht in der Tat gut aus. Aber beim Pilot Magazine oder Ships Mag weiß ich kaum, wo ich hinklicken soll. Kotaku sieht ganz nett aus, aber mir auch etwas überladen. Der größte Witz aber ist .fatale! WHAT? Die Bildaufteilung ist ok, sieht mir ganz benutzbar aus, aber ein Kaminrot als Hintergrundfarbe? Ich könnte jetzt selbst mal ranten, da kriege ich Augenkrebs! Aber mache ich nicht. Ich glaube, da kann der Leser keine ruhige Minute drauf verbringen mit dem ständigen Rot im Hintergrund.
Nerdcore hat ein wiedererkennbares Logo, reduziertes, schlichtes Design und kommt mit großartigem Content daher. Deine “Argumentation”, man solle sich aber auch auf die Präsentation konzentrieren, damit würde der Content besser an den User gebracht: Nein. Der Content bei Nerdcore lebt davon, dass sich das Design selbst transparent macht und hinter dem Content verschwindet. Dass du Struktur kritisierst, kann ich nicht verstehen. Mir scheint vielmehr, dass die Struktur bei so überladenen Seiten wie Ships Mag oder Pilot Magazine verloren geht. Die klare Struktur, die dem Leser intuitiv zugänglich ist, scheint mir eher Nerdcore zu haben.
Buzzriders ist – und das ist hier wohl wieder ein Denkfehler – ein Textblog. Fast alle deine Beispiele arbeiten mit furchtbar vielen, für mich sogar verwirrend vielen, Bildern. Auch Buzzriders möchte nicht zu viel Ablenkung für das Auge bieten, sondern, dass der Leser sich in Ruhe auf den Text konzentrieren kann.
So, und nun zu den von dir vorgeschlagenen Inspirationsquellen:
M.A.P: zu große Schrift und Grafiken, die den Leser erschlagen. Danke, Herr Designer.
Neuewave: Tolle Fotos auf einer Wall, aber soll ich da draufklicken? Warum? Worum geht’s da?
Vice Style und V Magazine sehen in der Tat schick aus. V Magazine hat übrigens ein ähnlich reduziertes Design wie Nerdcore. Aber das scheint dir bei deinem Rant-Rundumschlag kaum aufgefallen zu sein.
AnyOne, Girl ist hübsch und sieht mir benutzbar aus. Die Textanfänge sind leider nichtssagend – da ist es mir doch lieber, ich habe die Texte geordnet untereinander mit mehr Zeichen, sodass ich schneller weiß, worum es in dem jeweiligen Artikel geht.
Elroy und The Ones2Watch sind ähnlich kryptisch wie Neuewave: Soll ich auf die Bilder klicken? Wenn ja, warum? Mag spannend sein und vielleicht künstlerisch, aber eben nicht unbedingt intuitiv und sofort zugänglich. Man muss den Umgang mit der Seite erst einmal lernen, sie vorher verstehen.
Girls Rock und Hypebeast sind in der Tat gut designte Seiten. Mir gefällt die Farbe bei Girls Rock nicht, doch das ist ja Geschmackssache. Aber Acclaim? Du meinst, eine Startseite mit vielen, nicht aufeinander abgestimmten Farben und Grafiken, mit wechselnden Bildchen (die aussehen wie die Flash-Popups aus den frühen 2000ern), sei gutes Design? Ach, das steht irgendwo noch Facebook und irgendwo auch Twitter. Aber das ist far away von gutem Design, lieber Marcel!
Und um meinen langen Kommentar abzuschließen: Ja, ich stehe eher auf reduziertere Designs und Ruhe für das Auge. Ich finde es ok, wenn jemand online mehr Unterhaltung, Zerstreuung sucht und vielleicht etwas mehr blinkende Grafiken mag. Doch man sollte a) nicht völlig unterschiedliche Angebote miteinander vergleichen, wie schon einige hier bemerkten. Und b) sollte man den Zweck eines Blogs immer im Auge behalten, wenn man sein Design beurteilt.

Gut gebrüllt, Blogger! Bin hier ganz Deiner Meinung.
Amen.