„Schnell, schnell“, sagte Katrin.
„Schnell, schnell“ – das sagte sie immer. „Schnell, schnell“ war auch alles, was sie machte. Sie ging schnell, sie redete schnell, sie dachte schnell. Ja, sie lebte schnell. Katrin war einfach ein schneller Mensch. Wenn sie von mir ein Attribut bekommen würde, dann wäre es das: schnell.
Andererseits hatte sie natürlich Recht. Wir waren spät dran, wollten zu einer Ausstellung. Was da ausgestellt wurde, wusste ich gar nicht genau, aber es war bestimmt recht langweilig. Obwohl – so richtig langweilig ist etwas nie. Es ist nur für jemanden langweilig. Objektiv langweilige Sachen gibt es eigentlich gar nicht. Aber zurück zu der Ausstellung: Es waren bestimmt wieder Gemälde oder wie ich es nannte „Kunst“ von zeitgenössischen Künstlern. Ich nenne es Kunst, weil es doch nicht nur Malerei ist, sondern etwas dahinter stehen soll; ein Konzept. Malt der Maler um des Malens Willen oder um der Aussage des Bildes Willen? Oder malt er, um der schönen Motive Willen?
Das war ein Grund, warum ich nicht so gern zu diesen Ausstellungen ging: Katrin nannte die Menschen zwar Künstler, aber ihre Kunst nannte sie Gemälde. Das fand ich ziemlich komisch, dass Künstler nicht Kunst machen oder Maler Gemälde. Ich wollte mir immer keine Ausstellungen ansehen. Katrin meinte, ich müsse doch raus und mich mit den anderen Menschen beschäftigen. Aber ist das denn nicht seltsam – raus zu gehen, sich mit den „anderen“ zu beschäftigen, ohne zu wissen, wer oder was sie eigentlich sind? Was ist das andere, was außerhalb unseres „Ich“ ist? Ist überhaupt etwas außerhalb unseres Bewusstseins?
Kann man mit einem Etwas interagieren, wenn man überhaupt nicht weiß, was man da vor sich hat? Ich sagte immer zu Katrin, das wäre, als wenn man das erste Mal einem Chinesen begegne und erstaunt über seine Augenform, seine Nase, seine Größe oder seine Sprache wäre. Wenn dieser jemand so unterschiedlich zu mir war, musste ich dann nicht auch ganz anders mit ihm umgehen? Und was machte den Unterschied zwischen dem „anders“ beim Chinesen zum grundsätzlichen „anders“ bei Menschen aus? Ich fand, das war eine schwierige Sache. Aber für Katrin nicht. Damit man sich über „die anderen“ klar wurde, müsste man sich mit ihnen beschäftigen, beharrte sie. Wenn man nicht mit ihnen in Interaktion trete, werde man nie etwas über sie herausfinden. Ich fragte mich dabei zwar, wie ich aus der Erfahrung mit einem Menschen auf die Interaktion mit anderen Menschen schließen sollte und wie ich aus einer einmaligen oder mehrmaligen Erfahrung eine Erwartung für die Zukunft sehen sollte – denn was sagte mir, dass der gleiche Mensch nicht irgendwann seine Verhaltensmuster änderte und sich beim nächsten Treffen ganz anders verhielte? – aber das war für Katrin nicht weiter relevant. Sie meinte, man müsse es einfach machen, es ausprobieren. Sie war auch eine „Macherin“. Wenn ich ihr ein zweites Attribut geben dürfte, wäre es, dass sie „macht“.
Ich hatte keine Lust los zu gehen, aber wir mussten ja. Wir waren spät dran, es musste ja „schnell, schnell“ gehen.
Ja, ja, so ist das: Die Frauen treiben die Männer in die Welt. Da kannst du philosophieren, solange du willst.