Das Neue in der Moderne

Das Neue ist in der Moderne zu etwas Heiligem geworden. Viele Menschen versuchen in allen Bereichen des Lebens “eine neue Interpretation” oder ein grundsätzliches Novum zu präsentieren. Alles ändert sich, ständig. Alte Dichter werden nach modernen psychologischen Mustern analysiert, Blogs wie Zeitschriften wie Fernsehen wie Radio müssen originäre Inhalte bieten, Musiker sollen sich ständig neu erfinden, Künstler machen eine bisher nie da gewesene Art von Kunst undsoweiter undsofort. Die Werbung zermartert den Konsumenten mit Angeboten, die völlig neu seien – so sagt sie.

In der Antike noch bis ins Mittelalter hinein war es kritikfähig, eigenen neuen Erzählstoff in der Epik zu entwickeln. Man sollte lieber eine bekannte Geschichte handwerklich sauber darbieten, dann hatte man schon etwas geleistet.1 Heute soll man möglichst neuen Stoff oder neue Technologie bringen, die alles bisher da gewesene in den Schatten stellt respektive sich fundamental davon unterscheidet. Denken wir an Software oder Computer-Spiele: Sie müssen sich so verkaufen, dass sie sich grundsätzlich von allem Vorherigen abgrenzen. Oder denken wir an Fernsehgeräte: Eine völlig neue Technologie (man denke z.B. an Ambilight) muss her, um dem Ganzen wieder Schwung zu geben. Alles läuft auf das Konzept des “Unique selling point” hinaus, den das Marketing als entscheidend ansieht. Es ist wichtig, etwas zu haben, was den Unterschied zur Konkurrenz ausmacht, dann verkauft man etwas.

Ich muss zugeben, dass auch ich ein wenig dem Neuen verfallen bin. Ich bewerte häufig auch Dinge nach ihrem Unterschied zu Vorhergehendem. Sollten sie gleich sein – warum sollten sie dann wertvoll sein? Doch wenn man sich es genau ansieht, hat das Neue oft nur einen graduellen Unterschied (kein qualitativer) zum Alten. Was Computerspieler in Egoshootern heute machen ist das, was viele Kinder draußen auf der Straße auch tun (bzw. taten): Sie spielen Krieg.2 Musiker bringen in ihren Neuveröffentlichungen nicht selten alte Inhalte, neu verpackt, manchmal sogar nicht einmal das. Die Themen sind immer noch die gleichen wie vor 200 Jahren: Liebe, zwischenmenschliche Probleme, Geld, Spaß. Auch die neue Technologie ist meist keine fundamental andere: Bei LED-Fernsehern beispielsweise hat man lediglich die schon seit Jahrzenten genutzte LED-Technologie einer weiteren Verwendung zugeführt. Das iPhone 3G ist kein komplett neues gewesen, sondern eine Weiterentwicklung der Vorgänger. Und von Neuverfilmungen von alten Stoffen – Transformers, Hulk, Narnia, Herr der Ringe, X-Men, Avatar – wollen wir nicht sprechen.

Es spricht sogar einiges dafür, dass gerade die Nutzung schon bestehender Technologien und Inhalte zunehmende Bedeutung erhalten könnte. Schaut man sich die Remix- und Mashup-Kultur im Netz an oder die Tendenzen zu Open Source-Software-Entwicklung, die schon erwähnten Neuverfilmungen von bekannten Inhalten oder die engere Bezugnahme der Blogs und Online-Inhalte von Verlagen aufeinander (was bisher bei Tageszeitungen nicht in dem Maße der Fall war), erkennt man eine mögliche Bewegung, die dem Heiligtum des “Neuen” entgegenstrebt. Doch das soll nicht bedeuten, dass eines das andere Prinzip verdrängt, sondern dass beide nebeneinander zum Tragen kommen (was nicht heißt, dass sie gleich wichtig sind!). Die moderne Welt zeichnet sich in nicht geringem Maße auch dadurch aus, dass viele Tendenzen, verschiedene Entwürfe von etwas, gleichzeitig existieren. Das könnte auch in diesem Punkt der Fall werden.

PS: Alle, die sich am Begriff Moderne stoßen, sollen mir bitte einen besseren Begriff vorschlagen. Es geht mir um die aktuellen Zeiten und etwa die letzten 30 Jahre, wobei man das nicht so stark eingrenzen kann, denn Vorläufer dieser Ideen finden sich schon im 19. Jahrhundert (!).

  1. Abgesehen davon entschuldigten sich Dichter sowieso dafür, dass sie dichteten statt zu “arbeiten”. Aber das ist ein anderes Thema. []
  2. Damit meine ich keine Straßenprügeleien, in denen fünf Jungen einen anderen verhauen, sondern das Spielen mit Spielzeuggewehren. Heute ist das jedoch kaum noch üblich. []

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6 comments


  1. Akim

    Woran könnte es denn liegen, dass das Neue toll ist? Siehst du es auch so?
    Ich finde neue Dinge auch toll. Ich finde es wichtig, dass auch alte Dinge weitergemacht werden. Diese beiden unterschiedlichen Dinge gibt es vielleicht auch gleichzeitig, was ich toll finde.

    (Anmerkung: Alle elitären Ausdrücke sowie der Stock in meinem Arsch wurden sorgfältig entfernt! Und jetzt hab ich erstmal Spaß und schreib nicht weiter, weil das immer und überall an erster Stelle steht! :-P)

  2. Agent Fishgang

    Dass das Neue toll ist, hat, wie ich denke, insbesondere zwei Gründe. Erstens scheint es dem Menschen eigentümlich, dass er neugierig ist. Das hat er zwar mit anderen Spezies gemein; das kreative Moment um seiner selbst willen ist jedoch singulär. Einige andere Tiere lernen auch Neues, tun dies allerdings wohl nicht, um etwas Neues zu lernen. Der Erfindungsdrang ist also der erste wichtige Einfluss.
    Zweitens scheint das Tolle am Neuen, am Modernen eine notwendige Konsequenz des geistigen Rahmens von Renaissance und Humanismus, die nach wie vor – allen unreflektierten Unkenrufen ganz artig um unsere niedergehende Kultur besorgter Feuilletonhanseln zum Trotz – die Basis unseres Denkens sind. Es ist gerade die Vorstellung eines Fortschrittes von Menschen und Ideen, die natürlich das Neue auch zum qualitativ Besseren erhebt. Das Alte wird schlicht zum Veralteten. Das Prinzip des Veraltens ist im Übrigen ganz enorm wichtig für die kapitalistische Produktions- und Wirtschaftsform, die ja etwa gleichzeitig mit der Neuzeit [sic!] beginnt, sich zu entwickeln. Ob das eine das andere bedingt hat oder andersherum, wäre eine zwar abseitige, aber interessante Diskussion.
    Nebenbei hat sich auch jeder, der vollmundig etwas Neues ankündigt, gefälligst dem Spott auszusetzen, wenn er dieses Versprechen nicht halten kann. Insofern kann es schon zu missbilligen sein, dass etwas nicht neu ist. Davon abgesehen ist die Präsentation als “neu” mitunter bloßer rhetorischer topos.
    Ich kann zwar keinen neuen ;) Begriff für Moderne anbieten, aber möchte abschließend in diesem Zusammenhang auf die Absurdität des pseudophilosphisch gerne genutzten Gefasels von der Postmoderne aufmerksam machen. Hier findet die Idee des Neuen wohl ihren degenerierten Höhepunkt, da ja hier das Neue (Moderne) mit dem Veralteten in eins fällt.

  3. Die humanistischen Ideale scheinen dort wirklich noch eine Rolle zu spielen. In der Kunst/Musik natürlich auch die Idee vom “Genie” eines Künstlers, das “geniale Moment”, das seiner Arbeit innewohnt. Diese Idee entstammt dem späten 18. und vor allem dem 19. Jahrhundert. Den Einfluss kapitalistischen Gedankenguts sollte man hier nicht unterschätzen, wie du richtig sagst.

    @Akim
    Wie schon oben geschrieben, bin auch ich vom Neuen immer wieder fasziniert. Auch ich finde es allerdings wichtig, dass Altes nicht völlig verdrängt wird, da es für das Alte nicht selten auch gute Argumente gibt.

  4. Pingback: Apples Strategie « Addliss

  5. Akim

    Mein Beitrag war nicht einmal halbwegs ernst gemeint; du musst nicht darauf antworten.^^

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