“Da spielen Asis Asis für Asis”

Stefan Raab – selbst ein erfolgreicher, und doch umstrittener TV-Produzent, -Moderator und was-weiß-ich – hat sich in der WDR5-Sendung “Töne, Texte, Bilder” zum TV-Programm in Deutschland geäußert. Dabei hat er klare und nachvollziehbare Kritik angebracht, die ich vollstens unterstütze. Er moniert, die Sender konzentrierten sich zu sehr auf billige Produktionen, die so ziemlich quoten-egalitär wären, d.h. sie sind stabil, wenn auch vielleicht niedrig, bringen aber im Verhältnis zum finanziellen Produktions-Aufwand einen rentablen Ertrag. Doch dabei werde die Fernsehlandschaft sehr langweilig. Das Zitat aus der Überschrift entlehnt Raab von Dieter Nuhr.

WDR5 – Töne, Texte, Bilder | „Leute zeigen, denen es noch dreckiger geht“

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5 comments


  1. Akim

    Ich denke auch, dass das Fernsehen in der klassischen Form seinen Zenit längst überschritten hat. Es gibt zu viele attraktive (und bequeme) Substitutionsmöglichkeiten durch Internet u.Ä., um sich zu unterhalten. Dadurch gibt es zu wenig Werbeeinnahmen und die Sender weichen auf billigere Produktionen aus usw. Vermutlich führt diese Spirale auf einen Tiefpunkt, der das klassische Fernsehen entweder komplett oder zumindest in die Nichtbeachtung verschwinden lässt.
    Da hilft es der ProSiebenSat1 Media AG auch nicht, einen Bezahlsender aufzubauen, was aber anscheinend versucht werden soll.

    Die moderne Fernsehkultur hat es leider nur geschafft, eine oberflächliche Subgesellschaft zu unterstützen; nicht aber, einen langfristigen Anreiz zum Sehen. :-)
    Vielleicht haben sich die entsprechenden Verantwortlichen zu lange auf veralteten Vorurteilen und Annahmen ausgeruht.

  2. Agent Fishgang

    @Akim: Ich denke, die Kritik greift hier etwas zu kurz. Warum sollte das Fernsehen nach grundsätzlich anderen Gesetzmäßigkeiten operieren als alternative Medien? Als die ersten Zeitungen – damals noch als “Journale” benannt – aufkamen, handelte es sich mitnichten um um qualitativ hochwertige Informationsweitergabe bemühte Phänomene. Geradezu triviale “Nachrichten” wurden neben wichtigen Mitteilungen kommuniziert. Politische Entwicklungen standen annähernd gleichberechtigt neben Gruselgeschichten über Werwesen und ähnliches. Die massenhafte Produktion von Büchern veranlasste einige Herrschaften im 18. und besonders im 19. Jh. zur Furcht vor einer Lesesucht (Stichwort: Trivialliteratur, Schundroman etc.). Orson Welles nutzte H. G. Wells “The War of the Worlds” für ein Hörspiel, das durch die bloße Übertragung im Radio angeblich für lokale Panik sorgte. Und dass das Internet vielfach als Spielwiese für spinnerte Abstrusitäten herhalten muss, ist auch nichts Neues.

    Der Punkt ist folgender: Über Verflachungstendenzen in den Medien zu klagen, ist ein alter Hut und geht in einer Grundannahme fehl – nämlich, dass Medien zur Verbesserung des Menschen durch hochqualitative Formate beitragen sollen. Viel eher dienen sie allerdings zur Kanalisation von Mitteilung. Ohne die Argumente ausbreiten zu wollen, kann ich da nur auf Max Webers “Entzauberung der Welt” (Profanisierung, “Verflachung”) und Jürgen Habermas’ “Strukturwandel der Öffentlichkeit” (Individualisierung und Demokratisierung der Medien) hinweisen. Deshalb ist es wohl ebenso fehlgehend irgendeine Spirale daherzufabulieren. Sowohl die Printmedien als auch den klassischen Funk gibt es noch. Medien verschwinden nicht einfach; hierzu bedürfte es schon noch eines extremen Schocks (s. Quipus der Inka).

    Vermutlich liegt das Problem eher darin, dass (wieder einmal) Wirtschaftsfritzen ein ihnen fremdes System entern und glauben, die Eigenheiten desselben schon irgendwie zu meistern. Nicht nur in der Bildung haben sie es schon geschafft – freilich nicht ohne, die bekannten Probleme zu generieren. Statt sich auf ihr Metier zu konzentrieren, quacksalbern sie mit systemfremden Methoden herum, zäumen das Pferd von hinten auf und sind am Ende baß erstaunt, dass das nicht so einfach funktioniert. Für gute Produktionen muss man halt auch mal eine Menge Kohle raushauen und den Abfluss hinunterspülen. Der Gewinn ist im System der Medien schließlich nicht die schwarze Zahl, sondern der Beifall des Publikums.

  3. Akim

    Ich habe nicht behauptet, dass es Aufgabe der Medien sei, die Menschen in irgendeiner Weise zu verbessern (und ich denke es nicht) und habe diese Annahme auch nicht tatsächlich gebraucht. Die Spirale, von der ich spreche, existiert aber meiner Meinung nach doch. Noch vor zehn Jahren stand das Fernsehen viel stärker im kulturellen Zentrum als heute; deshalb meinte ich, dass das klassische Fernsehen momentan unterzugehen droht. Natürlich könnte es wie im Fall der Journale, Zeitschriften usw. passieren, dass sich diese Entwicklung in der Zukunft wieder umkehrt und das Fernsehen wieder in den Mittelpunkt rückt (und dann in der Konsequenz höherwertige Projekte umsetzen kann); doch der aktuelle Trend scheint in die entgegensetzte Richtung zu zeigen.
    (-> Die Abwärtsspirale muss nicht endgültig sein.)
    Dass das Fernsehen ganz verschwindet, halte ich für sehr unwahrscheinlich; ich meine nur, dass das Herkömmliche daran untergeht. Die neuen Formate (z.B. (faked) “Reality”) sind ein Symptom dafür und – falls sie sich halten können oder Ähnliches unterstützt wird – ein überzeugender Nachweis meiner Vermutung.

    Der Inhalt der Medien ist sehr “dehnbar” und nicht an die Qualität oder einen grundsätzlichen Auftrag (außer der Kommunikation) gebunden – da geb ich dir vollkommen Recht. Auch, dass diese Plattformen für unkonventionelle Projekte herhalten müssen, sehe ich genauso.
    Ich denke jedoch nicht, dass Ökonomen das System entern, wie du sagst. Vielmehr waren sie sicherlich schon lange Teil davon; nur zeigt sich jetzt in der Krisensituation die Schattenseite daran. Die Verantwortlichen für bedeutende Programme haben natürlich vorrangig im Sinn, einen guten Gewinn zu erzielen und reagieren auf Quoteneinbrüche.

    “Der Gewinn ist im System der Medien schließlich nicht die schwarze Zahl, sondern der Beifall des Publikums.”
    Du denkst in dem Punkt vielleicht zu theoretisch und verkennst die zeitliche Komponente. Langfristig betrachtet behältst du sicherlich Recht, aber bedenke auch, dass (auf privaten Sendern) nur Formate erscheinen, von denen sich die Produzenten insgesamt einen finanziellen Gewinn erhoffen (beachte auch Risikostreuung und Erwartung; ein anderer Punkt ist Marktmacht, aber der führt hier zu weit). Das betrifft ganz klar kurzfristige Entscheidungen.
    Es gibt im Medium “Fernsehen” einen bedeutenden Unterschied zwischen dem Zweck und dem Sinn dessen. Das muss nicht problematisch sein, macht den aktuellen Prozess aber möglich und naheliegend.

  4. Agent Fishgang

    @Akim: Das Verflachungsargument habe ich der Quintessenz des Interviews entlehnt, so viel vielleicht zur Klärung eines Missverständnisses :)

    Natürlich sehe ich das (zu) theoretisch! Es handelt sich hierbei schließlich um eine theoretische Diskussion. Qualitativ hochwertige Medien müssen andere Systeme (das ökonomische, das technische) grundsätzlich ignorieren bzw. wenigstens abseitig behandeln. Ein Produkt, das bereits in der Entstehung dies missachtet, kann kaum “gut” werden (wirtschaftlich ja, einfach kommunizierbar auch). Das ist ja der Grund, weshalb viele Ideen (aktuelles Beispiel: My Name ist Earl auf RTL) kurz nach dem Launch schlicht floppen.

    Selbstverständlich muss der Sender X auf Rentabilität achten – es ist seine Aufgabe als GmbH, GbR, AG, KG (sucht’s Euch was jeweils passendes raus!), wirtschaftlich zu arbeiten, denn daran hängen Arbeitsplätze, Steuergelder und anderes mehr. Aaaber, da fällt mir spontan Gottsched ein: “Gemeiniglich haben sichs diejenigen angemaßet, den Titel eines Poeten auszutheilen, die einen viel zu seichten Verstand, und eine viel zu blöde Einsicht in das Wesen der wahren Dichtkunst gehabt” (nachzulesen in: Versuch einer Critischen Dichkunst; II. Hauptstück, 1.§; vierte sehr vermehrte Auflage; Breitkopf: Leipzig (1751)).

    Gerade das private, also auf Rentabilität ja gerade ausgerichtete Fernsehen kann doch bitte schön kaum für sich in Anspruch nehmen, an einem tatsächlichen Qualitätsdiskurs (Obacht: nicht Diskussion!) teilnehmen zu wollen. Ich wiederhole es gerne: Die unterschiedlichen Operationskategorien (rentabel-unrentabel vs. qualitativ hochwertig-qualitativ minderwertig usw. usf.) und Systeme dürfen nicht unbedacht vermischt werden. Das führte auf ein Paradoxon, in dem das qualitativ Minderwertige – i. e. z. B. ein dramentheoretisch schlechtes Drehbuch -, nur weil es sich rentiert, zum Hochwertigen wird. Ebenso wäre es absurd, zu behaupten, dass ein literarisch großartiges Buch zu verlegen, das im Handel ein Rohrkrepierer bliebe, für einen Verlag Sinn machte.

    Die Systeme sind unterschiedlich und, was viel schwerer wiegt, wahrscheinlich inkommensurabel.

  5. Ich schalte mich kurz ein:
    Toll, dass hier solch intellektuelle Diskussionen geführt werden (und gerade die Systemtheorie kann hier einiges beitragen!)!

    Leider fehlt mir momentan die Muße, richtig darauf einzugehen, da Kant, Hume und andere Klassiker meiner Aufmerksamkeit bedürfen. Daher bediene ich mich eines Zitates eines unbekannten Autors:

    Ich habe zwar keine Lösung, aber ich bewundere das Problem!

    ;)

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