Catch 22: Colonel Cathcart und der Kaplan

Einer der wenigen Dialoge des Buches, die sich wirklich zu zitieren lohnt, ist der zwischen Colonel Cathcart und dem Kaplan. Der Colonel hat in der Saturday Evening Post einen Bericht über einen Kaplan einer in England stationierten Einheit gelesen. Dieser betete vor jedem Einsatz mit seiner Truppe. Da Colonel Cathcart krankhaft ehrgeizig ist und kein Selbstbewusstsein besitzt, muss er sich ständig mit anderen vergleichen. Vorgesetzten gegenüber ist er unterwürfig (um noch weiter aufzusteigen), aber gleichzeitig neidisch. Untergebenen gegenüber ist er dagegen arrogant und schätzt sie gering, wenn sie im gleichen Alter wie er noch nicht das Gleiche erreicht haben. Sein Ziel ist es, in die Saturday Evening Post zu kommen und hat dazu den Kaplan bestellt, da er ebenfalls Gebete sprechen lassen möchte. Es gibt da nur einige Probleme…

“Ich wünsche, dass Sie sich genau überlegen, welche Gebete da gesprochen werden können. Ich möchte nichts Schwermütiges oder Trauriges hören. Ich möchte, dass Sie es frisch und munter machen und die Burschen in guter Stimmung hinausschicken. Verstehen Sie, was ich meine? Nichts von solchem Zeug wie Reich Gottes oder Tal des Todes. Das ist alles zu negativ. Warum machen Sie denn ein so saures Gesicht?”
“Verzeihung, Sir”, stammelte der Kaplan. “Mir fiel der 23. Psalm ein, als Sie das sagten.”
“Wie geht der denn?”
“Es ist der den Sie gerade erwähnten, Sir. Der Herr ist mein Hirte, mir…”
“Das ist genau der, den ich meinte. Der kommt nicht in Frage. Was haben Sie sonst noch?”
“Errette mich, Gott, denn die Wasser sind…”
“Keine Wasser”, entschied der Colonel und blies kräftig in seine Zigarettenspitze, nachdem er zuvor den Stummel in den Aschenbecher aus gehämmertem Messing geschnipst hatte. “Warum nicht ein bisschen was mit Musik? Wie wäre es denn mit den Harfen an den Weiden?”
“Darin kommen die Wasser von Babylon vor, Sir”, erwiderte der Kaplan. “…da saßen wir und weinten, als wir Zions gedachten.”
“Zion? Na, das kommt nun wohl überhaupt nicht in Frage. Ich möchte wissen, wer das da eigentlich reingeschmuggelt hat. Haben Sie nicht ein bisschen was Lustiges, worin weder Gewässer, noch Täler, noch Gott vorkommt? Wenn irgend möglich, möchte ich die Religion überhaupt aus dem Spiel lassen.”
Der Kaplan sagte schuldbewusst: “Es tut mir leid, Sir, aber alle Gebete, die ich kenne, sind ziemlich düster und erwähnen Gott mindestens am Rande.”
“Na, dann nehmen wir eben neue. Meine Leute meckern ohnehin schon darüber, dass ich sie fortgesetzt fliegen lasse, da brauchen wir es mit Predigten über Gott und Tod und Paradies nicht noch schlimmer zu machen. Warum können wir der Sache nicht positiver beikommen? Warum können wir nicht um etwas Angenehmes beten, ein dichteres Bombenteppichmusster zum Beispiel? Könnten wir nicht um ein dichteres Bombenteppichmuster beten?”
“Ja, das könnten wir wohl, Sir”, erwiderte der Kaplan zögernd, “wenn Sie weiter nichts vollen, brauchen Sie mich gar nicht dazu. Das könnten Sie auch selber tun.”
“Das weiß ich”, versetzte der Colonel grob.” Aber was meinen Sie wohl, wozu ich Sie habe? Ich könnte mir auch mein eigenes Essen kaufen, aber das ist Milos Sache, und deswegen erledigt er das für alle unsere Staffeln. Ihre Sache ist es, unsere Gebete zu leiten, und von jetzt an werden Sie uns vor jedem Einsatz im Gebet für ein engeres Bombenteppichmuster anführen. Haben Sie verstanden? Ich finde es sehr angebracht, um ein engeres Bombenteppichmuster zu beten. Das verschafft uns allen bei General Peckem einen Stein im Brett. General Peckem ist der Ansicht, dass es eine hübschere Luftaufnahme ergibt, wenn alle Bomben dicht beieinander explodieren.”
“General Peckem, Sir?”
“Ganz recht, Kaplan”, erwiderte der Colonel und schnalzte väterlich, als er den verwirrten Blick des Kaplans bemerkte. “Ich möchte, dass das unter uns bleibt. Es sieht so aus, als sei General Dreedle endgültig auf dem Weg nach draußen, und als solle General Peckem seine Stelle einnehmen. Offen gestanden würde ich das nicht bedauern. General Peckem ist ein sehr guter Mann, und ich glaube, dass wir unter seinem Kommando alle sehr viel besser dran sein werden. Andererseits kommt es vielleicht nicht dazu, und General Dreedle bleibt unser Chef. Offen gestanden wäre ich auch darüber nicht enttäuscht, denn auch General Dreedle ist ein sehr guter Mann, und ich glaube, dass wir unter seinem Kommando ebenfalls alle besser dran wären. Ich hoffe, Sie behalten das für sich, Kaplan. Ich möchte nicht, dass einer von beiden auf den Gedanken kommt, ich stellte der Gegenseite meine Unterstützung zur Verfügung.”
“Jawohl, Sir.”
“Das ist schön,” sagte der Colonel und stand liebenswürdig auf. “Aber all dieser Klatsch bringt uns nicht in die Saturday Evening Post, was, Kaplan? Wollen doch mal sehen, wie wir da am besten vorgehen. Übrigens, Kaplan – kein vorzeitiges Wort zu Colonel Korn,. Klar?”
“Jawohl, Sir.”
Colonel Cathcart begann nachdenklich in den schmalen Gängen hin und her zu gehen, die zwischen den Körben mit Tomaten, dem Tisch und den Stühlen in der Mitte des Zimmers geblieben waren. “Sie müssen wohl bis zum Ende der Einweisung draußen warten, denn was da besprochen wird, ist geheim. Sie können aber hereinschlüpfen, während Major Danby die Uhrzeit vergleichen lässt. Ich glaube nicht, dass die genaue Uhrzeit geheimgehalten werden muss. Wir werden Ihnen im Zeitplan anderthalb Minuten zubilligen. Kommen Sie mit anderthalb Minuten aus?”
“Jawohl, Sir. Falls darin nicht die Zeit enthalten ist, die vergeht, während die Atheisten aus dem Zelt gehen und die Unteroffiziere hereinkommen.”
Colonel Cathcart blieb erstarrt stehen. “Was für Atheisten?” bellte er abwehrend, und seine ganze Erscheinung verandelte sich in Sekundenschnelle in die Verkörperung tugendhafter, kriegsbereiter Empörung. “In meiner Einheit gibt es keine Atheisten. Atheismus ist doch gesetzwidrig, oder nicht?”
“Nein, Sir.”
“Nicht?” Der Colonel war überrascht.” Dann ist er aber unamerikanisch, oder?”
“Da bin ich nicht ganz sicher, Sir”, erwiderte der Kaplan.
“Aber ich!” verkündete der Colonel. “Und ich werde unseren Gottesdienst nicht stören, bloß um einer Bande lausiger Atheisten willen! Ich räume ihnen keine Vorrechte ein. Die sollen gefälligst bleiben, wo sie sind, und mit uns zusammen beten. Und was höre ich da von Unteroffizieren? Wie, zum Teufel, kommen die überhaupt in diese Vorstellung hinein?”
Der Kaplan fühlte sich erröten. “Verzeihen Sie, Sir. Ich nahm an, dass Sie die Anwesenheit der Unteroffiziere wünschten, soweit die ebenfalls am Einsatz teilnehmen.”
“Ich wünsche das nicht. Die haben schließlich einen eigenen Gott und einen eigenen Kaplan, nicht wahr?”
“Nein, Sir.”
“Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie sagen, Unteroffiziere und Mannschaften beten zu dem gleichen Gott wie wir?”
“Jawohl, Sir.”
“Und er hört zu?”
“Ich glaube schon, Sir.”
“Na, da soll mich doch der Schlag treffen”, bemerkte der Colonel und schnaufte belustigt vor sich hin. Gleich darauf sank seine Stimmung jedoch, und er fuhr nervös mit der Hand über die kurzen, schwarzen, ergrauenden Locken. “Halten Sie es wirklich für einen guten Gedanken, die Unteroffiziere zuzulassen?” fragte er besorgt.
“Ich halte das für geboten, Sir.”
“Ich möchte sie gerne draußen halten”, sagte der Colonel vertraulich und ließ laut die Fingerknöchel knacken, während er auf und ab ging. “Verstehen Sie mich nicht falsch, Kaplan. Es ist nicht etwa so, dass ich Mannschaften und Unteroffiziere für schmutzig, ordinär und minderwertig halte. Es ist nur einfach so, dass wir nicht genug Platz haben. Offen gestanden liegt mir aber auch nichts daran, dass Offiziere und Mannschaften sich im Unterrichtsraum verbrüdern. Mir scheint, dass sie schon während der Einsätze genügend lange beisammen sind. Einige meiner besten Freunde sind Unteroffiziere, aber weiter möchte ich mich mit ihnen auch nicht einlassen. Sagen Sie mal ehrlich, Kaplan: wäre es Ihnen recht, wenn Ihre Schwester sich mit einem Unteroffizier verheiratete?”
“Meine Schwester ist Unteroffizier”, erwiderte der Kaplan.

“Catch 22″ ist ein gutes Buch, das eine absurde Kriegsszenerie zeichnet. Joseph Heller kreeirt irre Charaktere, die allesamt mehrdeutig sind, also nicht eindeutig positive oder negative. Damit ist er trotz der Absurdität nahe an der Realität. Doch das Buch hat leider seine Längen. Die Kritik am Krieg oder die Denkanstöße, über moralische Themen oder andere Sachverhalte nachzudenken, wiegen allerdings so einiges wieder auf.

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