Buch: A.J. Jacobs – Die Bibel & Ich

Nachdem ich schon vor einer Woche “Catch 22″ beendet habe, widme ich mich nun einem Buch, das einen sehr interessanten Ansatz verfolgt: Der Autor A.J. Jacobs, der für das Esquire-Magazin schreibt, möchte ein Jahr lang nach allen biblischen Regeln leben. Dazu hat er die Bibel durchforstet und die Regeln herausgeschrieben, insgesamt über 700. Dann merkte er, dass es nicht nur eine Bibelübersetzung gibt und kaufte gleich einen ganzen Stapel Bibeln, auch auf hebräisch. In Sachen Regeln möchte er es nicht bei den üblichen Geboten belassen oder bei einigen ausgewählten, die ihm leicht erscheinen bzw. sinnvoll. Er möchte auch die bizarren befolgen, bei denen, die gegen Gesetze brechen, ist er sich nicht sicher.

Die erste Frage, die sich stellt, ist: Warum? Jacobs gibt zweierlei Begründungen (auch wenn er sie nur als eine betrachtet): Zum einen hat er einen Sohn und möchte diesen mit korrekten moralischen Werten ausstatten. Dazu scheint ihm eine Bibeltreue zwar nicht angemessen, aber vielleicht gibt es ihm einen Einblick in (sinnvolle) Religion, die er seinem Sohn vermitteln kann. Zum zweiten geht es Jacobs eigentlich auch um seine eigene Faszination zur Religion. Er möchte herausfinden, ob es nicht doch etwas für ihn wäre.

Auf Nebenschauplätzen möchte er, wenn nötig, zeigen, dass jeder, der sich streng an biblische Gebote hält, unweigerlich tagtäglich zum “Irren” mutiert. Und natürlich möchte er auch ein interessantes Buch schreiben und dies verkaufen. Aber das ist, zugegebenermaßen, geschenkt.

Was anfangs auffällt, ist, dass Jacobs eigentlich verschiedene Ansätze verfolgt, die innerhalb des Buches mehrmals kollidieren. Ich bin gerade bei ca. 1/3 und merke, dass er das selbst nicht mitbekommt. Einerseits sagt er, er möchte seine eigenen Erfahrungen sammeln und seine eigene Interpretationen der Regeln finden. Er weiß, dass einige Regeln nicht wörtlich gemeint sein können und möchte abwägen. Dann wieder interpretiert er einige Regeln wortwörtlich – wodurch sie natürlich zu dem “Experiment”-Charakter beitragen. So stößt er am Anfang jeden Monats in ein Widderhorn, versucht Ehebrecher oder Sabbat-Brecher zu steinigen und baut in seinem Wohnzimmer eine Hütte zur Feier des Laubhüttenfestes.

Es fällt ebenfalls ins Auge, dass Jacobs sich viel mit Beratern trifft, die ihm bei der Bibelexegese behilflich sind – ganz schön oft, dafür dass er seine eigene Interpretation und seine eigene Erfahrung machen möchte. Aber gut, das wollen wir ihm zugestehen. Andererseits geht für einen religiös recht Unbedarften überraschend fair mit allen Seiten um – er trifft Amish, Chassiden, Zeugen Jehovas, orthodoxe Juden, Kreationisten und auch Atheisten und versucht, sie alle zu verstehen.

Interessant ist das Buch allemal und regt an vielen Stellen zum Nachdenken an. Ich bin gespannt, was es noch bereit hält.

(btw: Dies ist mein 300. Eintrag. Für 297 Tage Blog nicht schlecht! Eigentlich sollte es ein mächtiger, intelligenter, intellektueller, scharfsinniger und genialer Eintrag werden, aber da würde ich meinen Erwartungen immer hinterherhinken. Nicht weil ich mir das nicht zutraue, sondern weil ich hinterher immer denke, es hätte noch ein Stück genialer sein können. Egal. ;) )

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5 comments


  1. Agent Fishgang

    Hihihi! Genial ist ja gar nicht komparierbar.
    Das Eperiment scheint mir the next big nothing zu sein. Allein das obligate Brandopfer dürfte Mr. Jacobs vor erhebliche logistische Probleme stellen.
    Die angesprochenen methodologischen Unstimmigkeiten sind bezeichnend für diese bimmeldoofe Hampelei. Was soll das? Irgendwelches spirististisches Gequackel von Selbstfindung ist jedenfalls keine sehr überzeugende Begründung. Religiöse Inhalte sind nämlich nicht erklärungsbedürftig Im Übrigen verstößt der Autor allein mit der Planung – von der Durchführung ganz zu schweigen – bereits gegen Grundüberzeugungen der Bibel. Die Frage nach Sinn und Unsinn der göttlichen Gebote ist nämlich eine abenteuerliche Mischung aus desperatio und superbia. Jacobs’ Judgement-Day-Karten sind also alles andere als gut gemischt. C U in se Fegefeuer!

  2. Was meinst du, wie genial ich sein kann! Da ist auch genial komparierbar! ;)

    Beim Brandopfer hat Jacobs sich selbst beruhigt: Er müsste es in Jerusalem am Tempel erbringen, aber am schon vor Jahrhunderten vernichteten zweiten Tempel. Da das einfach unmöglich ist, fällt das Opfer (zu seiner Erleichterung) aus.
    Er steht im Buch immer zwischen zwei Seiten: Die radikalere Interpretation und die freiere. Man merkt, dass er sich nicht entscheiden kann.

    Sei dir der Auslegung mit superbia und desperatio übrigens nicht zu sicher. Immer wieder trifft Jacobs auf Übersetzungsfehler oder -unstimmigkeiten – das weißt du sicher selbst. Ich würde die von dir genannten “Grundüberzeugungen der Bibel” nur dem Katholizismus und dem frühen Protestantismus zurechnen. Vor allem heutige Protestanten oder Baptisten würden hier eher widersprechen und die persönliche Beziehung zu Gott in den Vordergrund rücken – und damit der Interpretation biblischer Regeln Platz einräumen. Abgesehen davon: Bei “C U in se Fegefeuer!” hab’ ich gut gelacht! :D

  3. Agent Fishgang

    Der Auslegungsspielraum ist m. E. denkbar gering. Das Konzept der Selbstüberhebung ist nicht verhandelbar und der Zweifel an Gott (um der Genauigkeit die Ehre zu geben: Zweifel an der eigenen Erlösungsfähigkeit) ist dogmatisch ziemlich invariant.

  4. Jacobs’ größtes Problem ist, wie mir scheint: Er möchte biblische Regeln befolgen und beten, obwohl er nicht daran glaubt. Ich denke, damit ist er sowieso schon mal ein ziemlich heißer Kandidat für’s Fegefeuer! ;)

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