…wurde folgendes Video aufgenommen:
Genaues weiß man noch nicht, bisher gibt es die Information, dass der Fahrradfahrer in blau einen Polizisten anzeigen wollte. Letzterer hatte wohl einen Freund des Fahrradfahrers unsanft einkassiert (auch hier sind die Gründe bislang ungeklärt).
Das Video wird in der Blogosphäre momentan stark frequentiert. Wenn es euch interessiert, schaut euch die Kommentare bei Spreeblick, netzpolitik, fefe oder im lawblog an. Das Original-Video in 720p findet ihr beim Chaos Computer Club. Es werden auch noch Zeugen gesucht und Leute, die Fotos/Videos gemacht haben.
Zu der starken Frequentierung kommen natürlich auch viele Interpretationen. Wie schon Johnny bei Spreeblick bittet, sollte man nicht zu Gewalt gegen Polizei aufrufen oder Pauschalverurteilungen aussprechen. Dennoch: Ich kann mir bisher kein Szenario vorstellen, in dem diese Aktion gerechtfertigt ist. Vielleicht bin ich auch zu fantasielos. In jedem Falle: interessant!

Ein herrliches lehrstück zivilgesellschaftlichen engagements.
Deutlich ist zu vernehmen, dass die herrschaften im vordergrund aufgefordert werden, den straßenbereich zu räumen – ein nicht ganz abwegiger und durchaus im sinne der eigenen sicherheit stehender hinweis. Die einsatznummer des polizisten hätte sich der herr in blau sicher auch bis zum straßenrand merken können und muss sich daher nicht wundern, wenn er nunmehr etwas nachdrücklicher zu einem konformen handeln bewegt wird.
Dass die vollstreckungsbeamten im weiteren verlauf ihre kompetenzen weit überschreiten, da es sich in keinem falle um eine situation handelt, die unmittelbaren zwan erfordert, kontrastiert diese szene. aber, hand aufs herz: wer glaubt, denn dass (1.) nach den erfahrungen des 01. Mai 2009 einzelne Berliner polizisten die absurde stillhaltestrategie des innensenators noch ernst nehmen (oder es überhaupt je getan haben) und (2.) für derlei einsätze zimperliches “och, bitte, bitte!” als ultimative durchsetzung der ordnung etwas bringen würde.
Im übrigen scheinen mir so einige gestalten rund um die offenbar völlig überforderten herren in grün nicht gerade wie die ausgeburt friedlichen auftretens. Dass sie mit ihren sprechchören ein aggressionstheoretisch höchst fragwürdiges verhalten an den tag legen, setzt der ganzen sache die krone auf. Diametral zu deren inhalt erzeugen sie schließlich nur eine umso stärkere “aufladung” der lage.
alles in allem: störrische selbstzweck-demonstranten treffen auf eine nicht nur medial dilettantische polizeistrategie. Da ist der konflikt vorprogrammiert. Das herzchen mit der aua-nase kann ja versuchen, zivilrechtlich heilungskosten (eine packung hansaplast) geltend zu machen und sollte sich gegebenenfalls vergegenwärtigen, dass im 19. Jh. und früher die menschen von der obrigkeit allein dafür, dass sie auf die straße gegangen sind, niedergeknallt wurden.
Im Grunde gebe ich dir Recht. Die Sprechchöre tragen nicht wirklich zur Deeskalation bei und provozieren eher. Dennoch glaube ich nicht alles, was so über “den schwarzen Block” o.ä. berichtet wird, ohne zu hinterfragen. Oft genug habe ich Zeugenberichte gehört, Videos gesehen o.ä., die zeigen, dass auch die Polizei manchmal provokant und eskalierend auftritt.
Ich habe an dem Tag auch einige vom “antikapitalistischen Block” gesehen, Selbstzweckdemonstranten, wie du richtig sagst. Komische Typen. Doch sehe ich den Kollegen in blau hier in keiner Situation, die derartige Handgreiflichkeiten erfordern. Ein freundliches “bitte, bitte” wäre unangebracht gewesen und wurde ja schon ausgesprochen. Danach hätte man ihn einfachst mit 1-2 Leuten festhalten können und an die entsprechende Stelle befördern.
Im Übrigen, nur als Info: Es gibt keine Einsatznummer einzelner Polizisten. Was die Beamten auf der Jacke tragen, erklärt ein Kommentator von netzpolitik:
bevor hier missverständnisse aufkommen:
die rückennumer 2212 bedeutet:
2. bereitschaftspolizeiabteilung (stationiert in tegel, soweit ich weiß)
2. hundertschaft
1. zug (in berlin der beweissicherungs- und festnahmezug)
2. gruppe.
Wie du weißt, besteht eine Gruppe aus 8-10 Leuten – von daher ist eine Identifikation ziemlich schwierig.
Der Vergleich zum 19. Jh. oder Zeiten noch davor halte ich für unangebracht. Wenn in der BRD heute noch so agiert würde, dürften wir uns nicht Rechtsstaat nennen, und es würde zeigen, dass wir aus der Vergangenheit nicht gelernt hätten.
Extrem nervig finde ich ein Verhalten, wie es der Mann im blauen T-Shirt zeigt. Natürlich dürfen sich die Polizisten nicht alles erlauben und keinesfalls grundlos attackieren, aber dieses selbstgerechte “Ich-bin-ein-Bürger-und-setze-meine-Rechte-trotzig-durch” passt überhaupt nicht zur Situation, zumal die Polizei in dem Moment ganz andere Probleme zu bewältigen hat. Auch richtig ist, dass der Mann den Weisungen nicht gefolgt ist und sich ganz klar in die “falsche” Richtung bewegt hat, was offen seine geringschätzende Haltung bzw. Respektlosigkeit zeigt.
Merkwürdig finde ich allerdings 0:34 – 0:37. Der Polizist haut ziemlich wild drei-, viermal um sich und trifft dabei zwei verschiedene Demonstranten. Nicht nur, dass das Niveau der Gewalt für mich durch das Video nicht nachvollziehbar ist, sondern auch die Art des Angriffs sieht etwas unprofessionell aus. So, wie ich es den Bildern nach einschätze, wollte derjenige, der etwas auf die Nase bekommt, dem Mann mit dem Fahrrad “helfen” und ist in Richtung Polizist geschritten bzw. hat dahin gegriffen. Das könnte vom schlagkräftigen Polizisten als Angriff gedeutet worden sein, was ihn zum Eingreifen bringt. Was da genau abgelaufen ist, kann man aber an Hand dieser Aufnahme nicht endgültig klären, denke ich.
Der Vergleich mit den Zuständen von vor 100 Jahren oder früher hinkt – nur, weil es damals undemokratischer zuging, ist die heutige Situation nicht unbedingt zufriedenstellend bzw. so eine Ausschreitung direkt zu akzeptieren.
Das “Opfer” des Polizeiangriffs (der mit der blutenden Nase) sowie der Kameramann wirken auf mich so, als würden sie insgeheim über den Angriff triumphieren – der Dialog wirkt unnatürlich.
Noch etwas: Eine Demonstration ist eine Form der (politischen) Gewalt. Das rechtfertigt zwar nicht diesen Angriff, aber erklärt z.T. die herrschende Spannung zwischen den Demonstranten und der Polizei.
Alles in allem stehe ich allerdings hinter dem Demonstranten, da das Video für mich zunächst keinen anderen Schluss zulässt.
War es eigentlich ein großer Zufall, dass diese Szene auch gefilmt wurde?
WIR SIND FRIEDLICH – WAS SEID IHR?! <– LOL
@Addliss: Das mit der Nummer, gut, geschenkt; macht auch nicht den kern des kommentars aus.
In der tat bemerkt akim genau richtig, dass “[e]ine Demonstration [...] eine Form der (politischen) Gewalt” ist. Und genau deshalb halte ich den Vergleich nicht für so schrecklich hinkend, denn am konzept politischer gewalt hat sich nichts geändert.
Nach wie vor ist eine demonstration der bewusste und gewollte eintritt in eine konfliktsituation. Der austritt aus der tatsächlichen oder konkludenten harmonie – i. e. wenigstens stillschweigenden zustimmung resp. einwilligung in politisches handeln – stellt dabei einen durchaus legitimen aber eben auch (gewaltsamen) akt der souveränitätsmissachtung der herrschenden dar. Diese idee ist nicht neu und vornehmlich von anglo-amerikanischen demokratietheorien beeinflusst (die politische bedeutung sog. mobs in der unabhängigkeitsbewegung sei in diesem kontext als interessante, gleichermaßen amüsante und beachtenswürdige randnotiz zu verstehen).
Und exakt diesen punkt scheinen, wie mich dünkt, einige der schönwetterdemonstranten nicht zu begreifen. Die Austragung eines konfliktes ohne gewalt (Obacht!: ganz im sinne Habermas’, also lediglich machtausübung und nicht notwendig draufhauen) ist nicht möglich.
Was ich zu hinzuweisen suchte, ist also dies: Unverzichtbares element der reflexion von polizeigewalt ist das bewusstsein der fülle der alternativen (historischen) möglichkeiten. Jede zeit nutzt unterschiedliche mittel und im antiken Rom waren es die liktoren, die einfach mit gerten auf schaulustige einschlugen. Insofern sollte allein das verbriefte recht zur demonstration, also offenen opposition – Machiavelli würde sicher erst schockiert, dann betroffen, dann traurig und dann wieder schockiert sein – in der gegenwart als nicht selbstverständliche errungenschaft verstanden werden. Ein recht, die grenzen der geduld der ordnungskräfte auszutesten ist damit ebensowenig einhergehend.
@Agent Fishgang: korr.: auszutesten,