Peter Richter schreibt in der FAZ von Planungen zum Alkoholverbot. Er erwähnt, dass EU-Vorschläge dazu auch schon 2006 gemacht wurden, damals aber Lobbyisten und Politiker einen Teilsieg errungen hätten. Jetzt aber sei es unausweichlich, dass das Alkoholverbot in absehbarer Zeit ausgearbeitet und forciert werde.
Interessant sind einige Pointen Richters.
Das Alkoholverbot wird „kommen“ – mit der gleichen erbarmungslosen Unentrinnbarkeit, mit der, wie es immer heißt, „die Globalisierung kommt, ob wir das wollen oder nicht“. Das Einzige, was einem zu entscheiden bleibt, ist die Frage, ob man vorwärts in die Zukunft fahren will oder rückwärts, ob man fortschrittsfreudig durch das Leben gehen möchte – oder als Reaktionär, der dauernd „Nichts darf man mehr“ mault [...]
Schön, dass hier derjenige stigmatisiert wird, der gegen ein Alkoholverbot ist. Es ist ja sowieso nur so, dass jeder, der Alkoholkonsum legal sehen möchte, ein alter Trinker ist, der nur miesepetrig durch die Gegend läuft. Richter vergisst dabei, dass der Fortschritt nicht allein darin besteht, neue Tendenzen anzunehmen, sondern sie auch zu überprüfen. Wenn er zudem der Meinung ist, das Alkoholverbot sei eine logische Konsequenz aus dem Rauchverbot, vergisst er schnell mal ein paar Dinge.
Fortschritt, das tolle Wort, das man mit Verbesserung verbindet, greift hier nur bedingt. Denn es ist nur bedingt vorteilhaft, allen Alkoholkonsum zu verbieten. Man denke einmal an Weintrinker, die sehr verantwortungsvoll mit ihrem Konsum umgehen. Sicher, man kann auch mit einem “Château Margaux binge drinking betreiben”. Doch ich kann auch als Maurer mit einem Ziegelstein Menschen erschlagen. Ein ganz schlechtes Argument – Menschen gebrauchen Dinge manchmal zu guten, manchmal zu schlechten Zwecken. Hier wirkt ein Alkoholverbot für mich wie eine übervorsichtige Mutter, die ihr Kind nicht mit anderen Kindern spielen lässt, denn die könnten ja fies zu ihm sein.
Die “logische Konsequenz” des Alkoholverbots erschließt sich mir ebenfalls nicht. Das Rauchverbot beschränkt sich auf öffentliche Gebäude. Wenn auf der Straße jemand raucht oder in seiner Privatwohnung oder sonstwo, ist alles ok. Ganz anders sieht ein vollständiges Alkoholverbot aus. Hier verschwände der Alkohol aus den legalen Geschäften und aus dem Leben der Menschen.
Ein weiterer Absatz Richters beginnt folgendermaßen:
Das Spirituelle und Urtümliche, das der Mensch im Alkoholkonsum aufsucht, ist damit ein Atavismus. Wer Abenteuer sucht, kann nach Afghanistan gehen. Es kann kein Recht auf Rausch geben, außer man schließt, wie bei Extremsportarten, Zusatzversicherungen ab.
Was soll die Bemerkung mit Afghanistan? Das hat mit dem Thema nichts zu tun, denn derjenige, der trinkt, sucht nicht das Abenteuer (?). Ein Recht auf Rausch versucht auch keiner zu erhalten, zumal es ja auch keines gibt. Das Recht, das hier in geschützt werden könnte, ist das der Selbstbestimmung.
Richter spricht in seinem letzten Absatz davon, dass Menschen vor dem Alkohol geschützt werden müssten:
Auch als Kulturfetisch enthält Wein Alkohol; Alkohol ist eine Gefahr für Leib und Leben, die Menschen müssen davor geschützt werden, und da individuelle Verantwortung sich der Regulierbarkeit entzieht, ist ein Totalverbot die einzige Möglichkeit [...]
Doch warum sollte man die Menschen schützen? Ist Alkohol eine Gefahr für Leib und Leben wie eine Schusswaffe?
Sicher, Alkohol kann gefährlich sein. Doch es gibt durchaus viele Felder der sinnvollen Nutzung. Hieße das denn, dass der Alkohol aus jedem Restaurant verschwände, z.B. kein Weißwein mehr zum Fisch oder keinen Roten mehr zum Braten? Was macht man mit Gerichten, die mit Alkohol versetzt sind, z.B. ein schweizerisches Käsefondue (mit Rotwein)? Verbieten?
Richter spricht davon, dass man sich an das Verbot gewöhnen würde wie an das Rauchverbot oder andere Dinge. Sicher würde man das tun. Eine Frage bleibt jedoch. Richter fragt: Warum sollte man eigentlich nicht verbieten? Ich frage: Warum?
Richter hat in seinem Text nicht ein Argument genannt, das tatsächlich überzeugen kann. Ein ausgearbeitetes Argument gibt es nicht einmal. Vielleicht sollte man sich vorher darüber Gedanken machen, bevor man einen Text veröffentlicht. Ich halte das Alkoholverbot für eine unnötige Bevormundung.
Ach übrigens: Ich bin absoluter Non-Alkoholiker.

Ja, Kruzi…Jessas, no a moal! Anfangs war ich höchst irritiert, dann ging es mir auf: der Artikel ist gar nicht ernst gemeint. Herr Richter muss nur für die FAZ das berüchtigte Sommerloch füllen. So abgespaced kann einer, der es bis zur FAZ schafft, ja gar nicht sein.
Solche Artikel lese ich seit einiger Zeit ohnehin nur noch, um den Hintergrund für das Geschwurbel, das sich Leserkommentarspalte nennt, zu kennen. Köstlich. Gerne auch mal den jüngsten Artikel zu Sportwaffen in der taz. Ich verspreche minutenlanges Amusement!
Hihi, gleich der erste “Kommentator” sieht dort US-amerikanische Verhältnisse der 20er und 30er Jahre heraufziehen. Einer befürchtet sogar gleich revolutionäre Zustände.
Seltsamerweise sind immer die anderen die Dummen, die nichts begreifen. Jeder hat selbstverständlich die ganze Sache längst durchdrungen und weiß, wo’s langgeht auf dieser Welt. Die Argumente der anderen sind natürlich und offensichtlich Quatsch; völlig egal aus welcher Ecke: immer sind die Vergleiche falsch und man hat – wie aus der Pistole geschossen – schlagende Gegenargumente. Platitüden werfen missliebigen Meinungen Platitüden vor und ich könnte wahrscheinlich gar nicht so oft schlafen, wie oft mich da einer wachrütteln will.
Ach, warum wollen die Menschen auch nicht auf mich hören! Ich weiß doch besser, was gut für sie ist.
Das erinnert mich an einen Tweet, den ich letzte Woche gelesen habe:
“Ich hasse Menschen, die denken, sie wären besser als andere. Ich bin so nicht. Ich bin besser als sie.”
Die Kommentare auf Zeitungswebseiten sind tatsächlich ab und zu einen Blick wert, wenn man sich amüsieren möchte. Allerdings halte ich das nicht immer lange aus, da es mir bisweilen schon kalt den Rücken runterläuft…
Guten Tag!
Bin zum ersten Mal auf deinem Blog gelandet und habe deinen Artikel zum Alkoholverbot gelesen.
Ich trinke gerne Alkohol, manchmal auch in rauhen Mengen, dennoch kann ich nicht glauben, daß Du ernsthaft fragst warum man Alkohol verbieten sollte!?!Aber dazu komme ich gleich…
Ich finde es gut, daß solche Themen in der Öffentlichkeit platziert werden. Durch die Auseinandersetzung fangen die Leute an über ihren Konsum nachzudenken. Die Debatte übers Rauchen, die immerhin zu einem teilweisen Rauchverbot geführt hat ( und das Thema ist ja noch nicht durch), erhöhte Tabaksteuer, Verbot von Werbung, hat auch zu einem gesellschaftlichen Umdenken geführt. Der Zigarettenkonsum geht zurück. Daran gibt nichts auszusetzen. (Und ich will kein Gequatsche hören nach dem Motto:”Mein Körper gehört mir” usw., das ist dämlich) Die Kosten für die Gesundheit tragen wir alle. Ich finde es gut wenn Kinder nicht anfangen zu rauchen und wenn Erwachsene aufhören zu rauchen.
Ähnlich ist es beim Alkohol. Etwa 9 Millionen Menschen trinken risikohaft und gesundheitschädigend Alkohol in Deutschland. Angemerkt sei, daß bei Frauen schon mehr als ein Bier täglich gesundheitsschädigend ist. Viele bezeichnen das natürlich als Genußtrinken. Aber wann bleibt es bei einem Getränk? Bei 9 Millionen eben nicht. Das sind Kosten. Die Folgekrankheiten bezahlen alle, über das Solidaritätsprinzip mit ihren Beiträgen zur Krankenkasse. Jeder fünfte Tod in Deutschland ist auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Dazu kommen Verkehrsunfälle, Gewalt unter Alkoholeinfluß, etc. Alkoholkonsum ist eben nicht jedermanns selbst Sache sondern betrifft immer auch andere Menschen, sogar die gesamte Gesellschaft.
Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt, daß immer mehr Menschen Alkohol gesundheitsgefährdent konsumieren. Immer mehr Menschen werden ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem was ich gelesen habe haben sich die zahlen zu 2000 vedoppelt. Darunter auch immer mehr Jugendliche, besonders auffallend immer mehr Mädchen. Dem kann man mit einer öffentlichen Debatte (die nun sogar in deinem Blog geführt wird) etwas entgegen setzen.
Das Alkoholverbot wird natürlich niemals kommen. Dafür ist der Konsum viel zu tief in unserer Gesellschaft, in allen europäischen Gesellschaften verwurzelt. Niemand wird dem weintrinkenden Professor seinen Stoff wegnehmen oder dem CSU PolitikerBeckstein, der meinte, daß man nach dem Konsum von 2 Litern Bier noch Auto fahren könne.
Zumindest hoffe ich das doch innigst,
in diesem Sinne….prohooost!
p.
Wir sind uns völlig einig, dass die Menschen in unserer Gesellschaft über ihren Konsum nachdenken sollten. Ich bin auch einer der ersten, der Leuten auf einer Party rät, ab jetzt mit Wasser weiterzumachen. Dennoch wollte ich mit diesem Artikel ausdrücken, dass ich das Alkoholverbot für den falschen Weg halte. Es schießt über das Ziel hinaus.
Ich finde es gut, wenn Debatten geführt werden (und danke übrigens für deinen Beitrag hier). Wir müssen jedoch aufpassen, dass wir nicht Debatten um ihrer selbst führen oder innerhalb ihrer Argumente und Ziele akzeptieren, die nicht adäquat sind.
Immer diese Gesellschaft! Hat schon einmal jemand diese Gesellschaft gesehen, mit ihr gesprochen? Er möge sich bei mir melden. Die Gesellschaft macht gar nichts, Menschen handeln. Und was soll das Gerede vom Rauchverbot? In Deutschland ist das Rauchen nicht verboten, sondern lokal begrenzt untersagt.
Es gibt kulturell durchaus unterschiedliche Zugänge zum Alkoholkonsum. In Europa verwurzelt ist “der Konsum” also nicht. In Frankreich gibt es z. B. keine ähnliche Trinkkultur wie in Deutschland oder England. Die Schlagwörter sind Permissiv- vs. Prohibitivkultur. Schematisch gesehen trinkt man in Frankreich nicht zu viel, dafür aber konstant, fast schon rituell (prohibitiv). Man führe sich hingegen Mark Twains Berichte seiner Heidelberger Zeit zu Gemüte; der Mann ist gleichermaßen beeindruckt und irritiert vom scheinbar grenzenlosen Trinken deutscher Studenten (permissiv).
Der gesundheitsschädigende Konsum ist keine Qualität des Alkohols, sondern auch ein Effekt der individuellen Persönlichkeitsstruktur. Dazu gesellt sich in aller Regelmäßigkeit das soziale Umfeld. Die berüchtigten “Supermarkttrinker” sind und bleiben häufig nicht deshalb Alkoholiker, weil sie Alkohol trinken, sondern weil sie in ihrer Identität keinen Bruch erfahren. Die Trinkkumpanen geben ihnen jeweils keinen Grund, den Konsum einzuschränken oder einzustellen.
Nirgends erfährt der Mensch so viel Freiheit wie in dem Akt, sich selbst zu Grunde zu richten. Im Mittelalter galt die Fähigkeit bzw. Möglichkeit, sich selbst zu verschwenden (sowohl körperlich als auch und vor allem wirtschaftlich) als Prädikat und Privileg des persönlichen Adels. Menschen zu verweigern, sich selbst zu gefährden, könnte daher als unzulässige Repression gesehen werden. Das ist nicht dämlich, sondern eine legitime Variante, die Welt wahrzunehmen.
Herr Parker (auch wenn ich das Gefühl nicht los werde, dass es sich hierbei um ein Pseudonym handelt, weil mein Spinnensinn vibriert bzw. ich mich ganz schrecklich missioniert fühle), welcher Grundlage entspringt die Zahl von 9 Millionen Menschen? Von ICD-10 Kategorie F10. reden wir hier doch wohl kaum.
Im Übrigen: was ist denn nun ihre Message? Was soll diese recht plumpe Reproduktion abgedroschener Klischees? Aus ihrem Kommentar bricht sich nach meinem Eindruck zudem ein obskurer Fatalismus Bahn. Weil Sie meinen, eine Sache nicht beeinflussen zu können, legen Sie die Hände in den Schoß, obwohl es Ihnen ein unbedingtes Anliegen ist? Ich bin verwirrt, zumal mir Ihr Beitrag merkwürdig inkonsistent anmutet.
Der Glaube an Zauberei war bei den prächristlichen europäischen Volksstämmen auch tief verwurzelt, wurde dann von den Funktionären der katholischen Kirche zeitweise recht erfolgreich zurückgedrängt (bis zum Spätmittelalter), dann wieder aufgenommen (etwa ab der Renaissance; nicht vergessen: die Hochzeit der Hexenverfolgung war das 17. Jh., nicht das Mittelalter!) und schließlich (auch) durch die Industrialisierung und Kapitalisierung des frühen 18. Jhs. wiederum zurückgedrängt. Dass ein Phänomen akzeptiert ist, heißt nicht, dass man seine Gestalt nicht modifizieren oder beseitigen könnte.
Es wäre schon mal ein guter Anfang, wenn es ein Werbeverbot für Alkohol geben würde.
Ich habe eine Pedition eingebracht, die leider aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt wurde.
Da der Alkoholkonsum eine gute Einnahmequelle für den Staat ist, haben die Politiker gar kein Interesse daran.
Lieber Karsten,
auch der Konsum von Zigaretten ist eine gute Einnahmequelle für den Staat. Trotzdem wurden hier die Daumenschrauben im Vergleich zu vergangenen Jahren doch erheblich angezogen. Bitte keine Phrasen dreschen!
Ich bin begierig, diese Petition zu lesen, bevor ich mir ein Urteil über ihre Begründetheit erlaube. Daher wäre es schön, wenn Sie sie hier verlinken könnten.
Hallo,
ich sehe da ein Unterschied zwischen Zigaretten und Alkohol.
Zum einen in den Auswirkungen der jeweiligen Sucht, was das soziale Leben der jeweils Süchtigen betrifft.
Zum Anderen auch in der Menge der staatlichen Einnahmen.
Rings herum in unserem Land sind die Zigaretten in den Nachbarländern billiger und werden da auch regelmäßig gekauft.
Bei alkoholischen Getränken, vor allem Bier, sieht die Sache anders aus. Die werden größtenteils hier in DE gekauft.
Deshalb sind das keine Phrasen, sondern Überlegungen.
Hinzu kommt, dass die Alkoholindustrie in sehr vielen Sportvereinen und Fernsehsender Wernung macht, so dass man den Eindruck bekommt, andere Werbung bibt es gar nicht.
Mein Peditionsvorschlag wurde abgelehnt, also gar nicht öffentlicht gemacht.
Ich hatte sogar noch mit einen Vorzimmerherren des Peditionsausschusses telefoniert, der mir als Grund angab, dass dieses Thema in Brüssel gerade auf der Tagesordnung ist.
Ein paar Wochen später konnte man aber in denMedien sehen, das sich da an der Alkoholwerbung nichts ändern wird.
Zwischenzeitlich hatte ich den damaligen Bundespräsidenten Köhler angeschrieben, aber auch da nur einen Brief per Post mit einer Absage erhalten.
Nachzulesen unter http://www.alkoholwerbung.de/?p=17
Weder habe ich einen qualitativen noch einen suchtbezogenen Unterschied von Alkohol und Zigaretten verneint. Leider ist die Antwort zudem für mich etwas unbefriedigend. Ich hatte ausdrücklich um den Wortlaut der Petition gebeten, nicht um gefilterte Informationen zu irgendeinem Briefwechsel, den ich auch nicht im Original kenne. Vielleicht ist das ja über rapidshare möglich?
/Die Politiker haben kein Interesse an / halte ich sehr wohl für eine hohle Floskel. Ebenso wie den kleinen Mann, den normalen Bürger und die da oben.
So sind eben die verschiedenen Sichtweisen.
Ich habe aber auch keine Lust, hier mit einen mir wildfremden Menschen in einem Blog einer Grundsatzdiskussion hinzugeben.
Ich hatte mit meinen ersten Beitrag nur zum Ausdruck bringen wollen, dass auch kleine Schrite einen Anfang bedeuten würden, wenn man diese Schritte denn gehen wollen würde.
Schade, Hegel hat wohl recht: Die Sprache ist der Leib des Denkens.