So lange hat Hideto Sotobayashi (fast) geschwiegen. Heute spricht er offen darüber, was so lange her ist und ihn traumatisiert hat. Auf den Tag sind es heute genau so viele Jahre: Der Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Er wurde von seiner Familie gebeten zu schweigen, da sie sonst Nachteile davon hätte, doch er muss sprechen, sagt er. Weil “die Menschheit nicht dazulernt. 23.000 Atomsprengköpfe existieren heute, die das Vielfache an Sprengkraft der damaligen Bombe anhäufen.
Sotobayashis Geschichte beim Tagesspiegel.
Wollen wir hoffen, dass die Menschen dazulernen.

Die Phrase “hoffen, dass die Menschen dazulernen” hat meiner Ansicht nach keine Bedeutung. Was soll es denn heißen, dass die Menschheit als Gesamtes “dazulernt”? Heißt denn dazulernen, dass man keine Gewalt mehr anwendet? Ist Wissen gleichbedeutend mit Pazifismus? Und noch etwas, um bestimmte Gegenfragen zu vermeiden: Ist ein Krieg ohne ABC-Waffen akzeptabel?
Folgendes ist meiner Meinung nach ein großes Problem der Antikriegskultur: Dass sie Kriege bzw. kriegerische Aktivitäten als Machenschaften unreifer und egoistischer, fieser Menschen darstellt oder auf eine Grundposition einer Nation bezieht.
Die Wahrheit ist anders; nicht “schöner”, aber definitiv nicht so einfach.
Man muss sich doch fragen, warum denn Kriege geführt und dann Bomben abgeworfen werden – wer trifft die Entscheidungen, wer meint, davon zu profitieren (nicht notwendigerweise im finanziellen Sinne), warum rüsten Staaten überhaupt bzw. was müssen sie erwarten, wenn sie es nicht tun, …?
Ich denke, wenn man diesen Fragen kritisch nachgeht, wird man einsehen, dass ein “Dazulernen” der Menschheit (in welcher Weise auch immer) nicht den gewünschten Effekt hätte. Notwendig sind hier andere Schritte.
Ich beziehe Krieg nicht auf eine Grundposition einer Nation, denn das wäre tatsächlich zu einfach.
Dennoch ist Krieg eine Handlung von Personen, die mindestens in einer Hinsicht unreif und egoistisch. Denn langfristig bringt ein Krieg keine stabilen Verhältnisse. Es ist kurzfristig gedacht und nicht umfassend.
Ein Krieg zur Selbstverteidigung ist wieder eine andere Sache, das aber dürfte klar sein. Wird man angegriffen, hat man das Recht sich zu verteidigen.
Wissen ist nicht gleichbedeutend mit Pazifismus. Doch wenn man in einer bestimmten Hinsicht, man könnte sie mit ethisch-moralisch umreißen (das fasst aber nicht alles), dazulernt, führt es wahrscheinlicherweise zu Pazifismus. Ich denke schon, dass ein Dazulernen der Menschheit den gewünschten Effekt haben kann. Die Frage ist nur, ob die Menschheit als ganzes dazulernen kann. Diese Frage kann ich nicht abschließend beantworten, deshalb sage ich: Ich hoffe.
Du bekräftigst genau das, was ich kritisiert habe: Ich glaube nicht, dass man die These, ethisch-moralische Entwicklung (synonym “dazulernen”) führe zu Abkehr von kriegerischen Handlungen, wissenschaftlich halten kann. Des Weiteren denke ich auch nicht, dass Krieg per se nicht im Stande sei, stabile Verhältnisse hervorzurufen. Ich halte es gerade für die heutige Zeit ebenfalls nicht für einen sinnvollen Weg, dennoch beweist die Geschichte insgesamt das Gegenteil deiner Behauptung.
Ich weigere mich gegen das Wort “Dazulernen” – es kann meiner Meinung nach nur von einem Umlernen gesprochen werden.
Ob die Menschheit als ein Ganzes lernen bzw. sich entwickeln kann, ist mir nicht klar. Problematisch ist bereits die Formulierung, denn sie setzt voraus, dass es eine wie auch immer geartete “Vereinigung” der Menschheit gibt. Vielleicht sollte man in dieser Richtung sich erst klarere Begriffe schaffen und dann abgrenzen, wann man vom “Lernen der Menschheit” reden kann.
Mein Kommentar zur Antikriegskultur war übrigens nicht direkt an dich gerichtet, sondern vor allem an die unklare Masse von “Hey man, Krieg ist doch doof”-Vertretern.
In diesem Zusammenhang heißt, wenn die Menschen “als Ganzes” dazulernen bzw. sich weiterentwickeln, dass jeder für sich gewisse Einsichten gewinnt. Es wird nicht vorausgesetzt, dass es eine Vereinigung der Menschen gibt. Wenn ein Großteil der Menschen bestimmte Ansichten entwickelt, besteht die Chance, dass sie sich auch durchsetzen, was ich versuchte auszudrücken.
Bezüglich des Begriffs “Dazulernen” bzw. “Umlernen” magst du einen guten Punkt ansprechen. Das muss ich wohl noch beachten. Einen entgültigen Schluss habe ich dort noch nicht.
@Akim
Max Weber und Ferdinand Tönnies haben bereits zu Beginn des 20. Jh. eine ziemlich klare Begriffsklärung von Gesellschaft vs. Gemeinschaft geliefert. Da wirst Du sicher in zufriedenstellender Weise fündig.
Zum Lernen gibt es auch eine reichhaltige Literatur; spontan fällt mir da Meseguer Covadonga ein.
@all
Es menschelt halt immer gehörig, wenn ehemalige Kriegsopfer ihre fraglos schrecklichen Erfahrungen preisgeben. Leider werden sie nicht selten zum Zwecke der Auflagensteigerung plump instrumentalisiert. Auch hier, wie mir scheint. Herr Sotobayashi und der Tagesspiegel haben natürlich keine überzeugende Lösung des compliance-Problems. Warum sollte ein Akteur angesichts der immensen Profite, die zu erwarten sind, wenn er andere waffenlose Akteure attackiert, eben dies nicht tun? Das ist die Frage, auf die – nach meinem Kenntnisstand – bisher nur Antworten á la: es kann (!) für ihn lohnender sein, das nicht zu tun, weil er auch (!) auf anderem – gewaltlosem – Wege das Ziel erreichen kann (!), gegeben wurden.
Bevor das nicht aureichend geklärt ist, halte ich es daher für grob fahrlässig, auf Verteidigungsmaßnahmen zu verzichten. Es sind zu viele Spinner auf dieser Welt in bedeutenden Positionen, als dass der radikale Pazifismus zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine sinnvolle Gesellschaftsform darstellen könnte.
Zu dem compliance-Problem bzw. der Antwort auf die Frage, warum man bewaffnete Angriffe durchführen sollte: Die Antwort ist natürlich problematisch, jedoch muss es hier ein Entscheidungskriterium geben, welche die Handlungsweise ist, die ausgeführt wird, wenn beide Handlungen zu dem gewünschten Ergebnissen führen können.
Außerdem ist eine Kritik an kriegerischen Handlungen nicht nur eine Kritik an den Handlungen selbst, sondern auch an den Zielen.