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Die zwei Paradigmen der Internetdiskussion

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September 4, 2012 by Addliss

Seit knapp einer Woche wird vehement über Auswirkungen des Internets und des Computers allgemein auf den Menschen wieder heftig diskutiert. Auslöser war das Buch Digitale Demenz von Manfred Spitzer, einem Psychiater und Hirnforscher1, in dem er behauptet, die Benutzung eines Computers und speziell auch des Internets führe beim Menschen zu starken Veränderungen im Gehirn. Seine Gedächtnisleistung schrumpfe, andere kognitive Prozesse seien ebenfalls auf lange Sicht beeinträchtigt und er erkranke später sehr viel früher an Demenz als ein Mensch, der den Computer nicht oder sehr selten benutze. (Ein tl;dr findet ihr ganz unten.)

Wissenschaft und ihr Wahrheitsanspruch

Die Diskussion spitzt sich gerade auf die Wissenschaftlichkeit der von ihm zitierten Studien zu; Verweise auf andere Studien, die andere Daten aufweisen und andere Schlüsse nahelegen (oder belegen), werden getätigt und schließlich behauptet man, die Hirnforschung könne ja sowieso nicht alles beweisen, sie sei nur ein Ausschnitt der Welt. Doch es bleibt ein schaler Beigeschmack, denn irgendwie müssen die Studien, die Spitzer zitiert, entstanden sein und irgendwie kann man die Ergebnisse doch nicht ganz leugnen. Wie will man auch behaupten, es wären falsche Daten, wenn man doch selbst kein Neurologe ist? Wie will man die Wissenschaftlichkeit und deren (zumindest formalen) Geltungsanspruch wegreden? Das geht schlicht nicht, doch ich versuche hier zu zeigen, weshalb darum dennoch eine Diskussion geführt wird. Es geht hier eigentlich nicht um Wahrheitsansprüche und auch nicht darum, ob die Thesen Spitzers “schlicht dumm” sind. Es geht um die Perspektivität von Aussagen und damit geht es um verschiedene Denkparadigmen, die den Diskutanten zugrundeliegen. Deshalb wird auch häufig aneinander vorbeigeredet.

Wissenschaftliches Paradigma

Das wissenschaftliche Paradigma arbeitet mit der Zuschreibung von Wahrheit. Was in der Wissenschaft “herausgefunden” wurde, gilt; zumindest bis es falsifiziert wird. Auf dieses Wissen muss einerseits wissenschaftlich, andererseits in der sozialen Praxis Verlass sein, d.h. die Gesellschaft muss sich darauf verlassen können, dass es valide Daten und Ergebnisse sind. Sie muss sich daran orientieren können, um danach zu handeln; z.B. in diesem Falle die Pädagogik – Computer in der Schule oder nicht? Das heißt aber auch, dass Daten und Ergebnisse feststehen und – gerade hier in der Neurologie oder anderen naturwissenschaftsähnlichen Fächern – einen deskriptiven Rahmen festsetzen. Dabei ähnelt es dem juristischen Paradigma: Man nimmt Dinge so hin, wie sie sind. Man weist darauf hin und achtet die Ergebnisse nach Prüfung der Methoden als unumstößlich. Genau das tut Manfred Spitzer.

Der Krisenbegriff

Damit klarer wird, was er eigentlich sagen möchte, müsste er in seiner Diskussion den Begriff der Krise benutzen: Das psychologische System des Menschen gerate in eine Krise, so müsste er sagen. Was das heißt, erkläre ich. Ich entlehne diesen Begriff bei Habermas, der in Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus einen sozialwissenschaftlichen Begriff der Krise erarbeitet. Dabei rekurriert er auf Reinhart Koselleck (Kritik und Krise) sowie Marx und definiert, die Krise eines Systems als Unfähigkeit mit seinen eigenen Steuermechanismen auf die Umwelt zu reagieren.

Krisen entstehen, wenn die Struktur des Gesellschaftssystems weniger Möglichkeiten der Problemlösung zulässt, als zur Bestandserhaltung des Systems in Anspruch genommen werden müsste. (Jürgen Habermas: Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, S. 11)

Das heißt, wenn überhaupt eine Lösung von einem oder mehreren Problemen hypothetisch zur Verfügung steht, ist diese Problemlösung innerhalb der Gesellschaft wegen ihrer eigenen Verfasstheit (soziale Ächtung/rechtliche Bedingungen o.ä.) nicht verfügbar. Eine Eigenheit der sozialen Systeme ist jedoch, dass sie ihre eigene Verfasstheit ändern können – entgegen einem Organismus beispielsweise, der seine genetischen Voraussetzungen nicht ändern könnte. Das heißt, ein soziales System kann seine eigenen Grenzen (Was gehört zum System?) verschieben und seine eigenen Sollwerte (Was muss das System leisten? Welche Aufgaben hat es? Wie kommuniziert es nach innen? Wie kommuniziert es nach außen? Welche Ziele müssen einzelne Subsysteme erreichen?) neu bestimmen und ist so eigentlich von seiner Identität her sehr schwer zu bestimmen. Das scheint bei unserem psychologischen/neurologischen System viel einfacher möglich. Es ist intuitiv ersichtlich, dass sich unser Gehirn nach genetischen, psychologischen und neurologischen Bedingungen verhält, die – nach dem wissenschaftlichen Paradigma – für unveränderlich gehalten werden. Die Grenzen lassen sich auch kaum verschieben, das Bewusstsein passiert nun einmal im Gehirn, im Kopf, maximal im Körper, wenn man Körperbewusstsein dazurechnet.

Krise der Psyche

Manfred Spitzer (natürlich auch andere) nun behauptet: Mit diesen Grenzen unseres psychischen Systems gerieten wir in eine Krise. Wenn wir kein Wissen mehr aufbauen können, wenn wir nicht mehr Dinge behalten, mit denen wir unsere Arbeit oder andere lebenswichtige Dinge meistern, stehen wir vor einem großen Problem, weil wir uns nicht mehr zurechtfinden können. Unsere Identität gerät dann auch in eine Krise, weil sie natürlich auch zu einem Großteil daraus besteht, was uns in der Vergangenheit begegnet ist und was uns ausmacht. Wenn wir uns also selbst nicht mehr organisieren können, sind wir in einer Krise der Psyche. Diese besteht daraus, dass bisherige integrative und konstitutive Merkmale nicht mehr reproduziert werden. Wissen, Denkprozesse usw. werden nicht mehr so behandelt wie mit anderen Medien wie dem Buch.

Identitätskrise

Dabei stehen auch andere Konzepte wie die der Urheberschaft, Verantwortung oder der Handlung zur Debatte und Reinterpretation, was deutlich macht, wie tief diese Krise geht; wie weitreichend die Veränderungen sind. Wer ist der Urheber bei Wikipedia-Artikeln oder bei einem Mashup? Wer ist der Verantwortliche bei Crowdfunding-Projekten? Wer ist Handelnder, wenn wir von Maschinen filtern, suchen, ordnen und zusammenstellen lassen, wenn wir ihnen Kriterien überlassen? Spitzer spricht auch häufig von Kontrollverlust. Der Kontrollbegriff scheint unmittelbar zum Handlungsbegriff zugeordnet zu werden. Wer ist Handelnder bei der Mensch-Maschine-Symbiose, z.B. in der Raumfahrt, die ohne technische Hilfsmittel unmöglich ist? Wer ist Handelnder, wenn wir mit Computerchips im Kopf herumlaufen, die unsere Wahrnehmung und unsere Entscheidungen mit zusätzlichen Informationen ergänzen? Hängt der Begriff des Handelnden dann nur noch an der Entscheidung und Anwendung der Ergebnisse oder ist die Vorauswahl und Analyse auch undiskutierbarer Bestandteil des Handlungsbegriffes? Was ist, wenn wir die Entscheidungsfindung auch Maschinen überlassen, z.B. bei der Navigation (Stichwort: “schnellste” oder “kürzeste” Route)? Oder ist der Handlungsbegriff dann nur noch auf die Ausführung begrenzt?

Man sieht, wie tief die Unsicherheiten gehen, wenn wir uns so stark durch Computer unterstützen lassen, schon allein von Wikipedia oder Google, von denen Spitzer häufig spricht. Wissen wird dann auch für Entscheidungen, Verantwortung sowie Handlungen von Bedeutung und es scheint uns alles aus der Hand zu gleiten, was uns bisher vertraut und (wenigstens halbwegs) klar erschien.

Möglichkeitsparadigma

Das Problem dieser Beschreibung ist, dass sie die Identität des psychologischen Systems für unverrückbar hält, ganz nach dem wissenschaftlichen, deterministischen Paradigma. Gerade das psychologische System ist jedoch dazu geeignet, über den reinen Organismus hinauszugehen, auch wenn es zum menschlichen Komplettentwurf dazugehört. Die Gegenseite hält die Identität des psycholgischen Systems für neu konstruierbar. Steuerungsmechanismen und Ausweitung des psychischen Systems sind – wie bei einem gesellschaftlichen System – variabel und nicht begrenzt. Habermas sagt: Systemelemente und Sollwerte können beide verändert werden (S. 12). Der Systemelemente sind in diesem Falle: Wissen, Gedächtnis, Handlungen im allgemeinen Sinne. Sollwerte des Systems sind z.B. Verantwortung zu generieren, aus dem bestehenden Wissen klare Handlungen zu vollziehen. Sollwerte sind in diesem Falle also ausgeführte Programme. Damit wird auch eine bestimmte Menge an Wissen, Gedächtnisleistung usw. als Sollwert angenommen, ohne die die Programme nicht umsetzbar erscheinen.

Gegen das wissenschaftliche Paradigma steht also ein anderes, das ich Möglichkeitsparadigma nenne. Ich könnte es auch Bewusstseins-, Netzwerk-, Veränderungs-, Evolutions-, Anpassungsparadigma oder anders nennen, denn es interpretiert den Krisenbegriff viel fluider. Es geht nicht von der deterministischen Unumstößlichkeit und von genauen Voraussagen der Wissenschaft aus, sondern lediglich davon, dass die empirischen Befunde statistische Werte darstellen, die im aktuellen Ist-Zustand so reproduzierbar sind, aber in einem anderen Zustand, unter anderen Bedingungen, verändert wären und daher anders interpretiert werden können. Man sieht das Problem mithin nicht mehr als Problem, sondern als Herausforderung. Bewusstseinsparadigma könnte ich es deshalb nennen, da folgende Aussage für Vertreter dieser Seite der Diskussion steht: Wenn man sich der Dinge und möglicher Problemquellen bewusst ist, kann man sie umgehen und sich darauf einstellen. Sobald der Hinweis (vom wissenschaftlichen Standpunkt) getätigt wurde, werden Anpassungsmechanismen in Gang gesetzt.

Das heißt, dass eine Reorganisation und Reinterpretation der Begriffe Gedächtnis, Wissen u.a. sowie der Denkprozesse und des Verständnisses davon möglich ist – das ist das Argument der Internetoptimisten. Der Sollwert wird verändert, die Systemelement reinterpretiert. Dabei müssen die Grenzen der Identität nicht unbedingt beachtet werden, sondern werden ebenfalls neu gesetzt. Die Frage, die sich unter dem wissenschaftlichen Paradigma stellt, ist: Welche Parameter dürfen innerhalb welchen Toleranzbereichs verändert werden, ohne dass die Identität und der Begriff davon fundamental in Frage gestellt ist? Die neue Frage lautet: Wie kann eine neue Identität interpretiert werden, sodass sie auch als Identität begreifbar bleibt? Was kann man abgesehen vom bestehenden Begriff noch als Identität bezeichnen? Es geht mithin nicht mehr um das Einpassen neuer Technologien in alte Sollwerte und Systeme, sondern um die Schaffung einer neuen Umgebung.

Zukunftsvoraussagen

Schließlich: Es wird viel mit Zukunftsvoraussagen gearbeitet, dass unsere Kinder dümmer würden, dass wir bald alle viel dementer werden etc. Wissenschaft kümmert sich häufig um Voraussagen, sie versucht Voraussagbarkeit zu erzeugen. Dabei denkt sie immer deterministisch, sie kann kaum anders, weil sie immer vom Kausalitätsprinzip ausgeht. Doch im anderen Denkparadigma wird nicht deterministisch gedacht, sondern in Anpassungsmechanismen. Die Frage ist jetzt, welche Zukunftsvoraussage die Richtige ist. Die deterministische, die sich die aktuellen Ist- sowie Sollwerte anschaut und daraus deduktiv schließt? Oder ist die die Richtige, welche von veränderlichen Sollwerten, Eigenbedingungen und Anpassungsmechanismen bei Umweltveränderung ausgeht? Wir müssen also eine andere, viel grundsätzlichere Frage beantworten.


tl;dr

Den Grundgedanken fasste Christoph Kappes in einer Nachfrage auf Twitter sehr gut zusammen. Der Unterschied in der Debatte um digitale Demenz ist der Grundgedanke, wie man an das Problem der Internet- und Computernutzung herangeht. Er schreibt: “Kann man von A (nur) auf B schliessen oder ist B Ergebnis eines selbstregulierenden Systems?”

Ich würde es noch genauer zu beschreiben versuchen: Kann man von A mit Bedingung x nur auf B (definiert + unerwünscht) schließen oder ergibt A mit Bedingung x, y und z zusammen möglicherweise auch die Zustände C, D und E (bisher undefiniert).

  1. Ich mag das Wort nicht, aber etwas anderes kann man ihn kaum nennen. Soweit ich weiß, hat er keine offizielle Ausbildung in Neurologie, die sich mit eben den Dingen beschäftigt, über die Spitzer Aussagen trifft. []

1 comment »

  1. [...] Michal bei carta.UPDATE Im Zusammenhang mit den Debatten macht sich Addliss um eben jene Gedanken: Die zwei Paradigmen der Internetdiskussion.Feature Positionen ReflexionenJohnny Haeusler | 30.08.2012 um 01:15 Links: Johnny. Rechts: Jimmy. [...]

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