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Zum inflationären Gebrauch des Freundesbegriffs

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August 5, 2012 by Addliss

Durch Facebook und andere soziale Netzwerke ändert sich die Herangehensweise an den Begriff Freundschaft oder Freund. Dabei gibt es viel Kritik, auch ich habe sie geäußert: Von inflationärem Gebrauch des Freundesbegriffes und Freundesentwertung war da die Rede. Doch das ist nur eine Sichtweise.

Ich versuche die Diskussion um den Begriff Freund einmal etwas zu klären: Freunde oder Freund wird von den Menschen unterschiedlich verstanden. Die einen halten es eher für einen lockeren Begriff (vor allem im englisch-sprachigen Raum üblich) und andere sehen darin fast eine Adelung der Person. Sie darf sich Freund nennen, gehört zum engsten Kreis von rund 10 Menschen (mir scheint dies eine Grenze zu sein, die viele Leute intuitiv ziehen). Die erste Variante bezeichnet mit dem Freundesbegriff eher Menschen, die einem freundlich gesonnen sind, mit denen man sich hin und wieder trifft, mit denen man sich versteht, mit denen man aber nicht alle persönlichen Themen, Freuden und Probleme teilt. Es wird hier dennoch unterschieden zwischen Freunden und Bekannten – mir scheint die Grenze zu sein, dass man Bekannte nur zu Gelegenheiten trifft, bei denen man Interessen teilt. Freunde dagegen trifft man um ihrer selbst willen und als Vehikel benutzt man auch gemeinsame Interessen.

Dabei ist nicht eine der beiden Interpretationen “richtig” oder “falsch”, sondern es ist einfach vage, was der Begriff Freund bezeichnet. Daher bin ich dazu übergegangen, sollte es nötig sein, eine Präzisierung des Status’ anzugeben. Wenn ich von Freunden spreche, meine ich im allgemeinen Menschen, denen ich einen bestimmten Einblick in mein Leben gewähre, denen ich zumindest bis zu einem bestimmten Punkt mehr vertraue als anderen. Wenn ich jedoch von noch engeren Kontakten spreche, nenne ich diese z.B. enge oder gute Freunde oder ein Äquivalent. Das indiziert die strengere Interpretation des Freundesbegriffes.

Die Menschen, die ich nur treffe, weil wir zufällig ein gemeinsames Interesse haben, denen ich aber ansonsten weniger Einblick in mein Innenleben gewähre, nenne ich Bekannte. Es können auch solche Menschen sein, mit denen ich gelegentlich telefoniere oder per Internet in jeglicher Form Kontakt halte (Chat, Skype, soziale Netzwerke, Foren o.ä.). Zuletzt gehören zu dieser Gruppe Menschen, die ich über Freunde kenne, die sie zu Treffen mitbringen, mit denen ich aber keine näheren, keinen direkten Kontakt pflege, d.h. sie ohne die Freunde, über die ich sie kenne, treffe.

In meinen Ausführungen wird deutlich, was ein weiteres Kriterium für die Bezeichnung Freund darstellt: Es muss eine bestimmte, gefühlte innere Verbindung bestehen, die sich meist aus bestimmten identifikatorischen Merkmalen zusammensetzt. Teilt man nicht nur eines, sondern mehrere Interessen, besteht eine gute Grundlage für die Zuschreibung einer Freundschaft oder gar einer engen solchen. Dazu kommt aber auch noch eine andere Komponente: Freundschaft basiert nicht selten auf einer geteilten Geisteshaltung, Lebensauffassung, bestimmten Werten. Die müssen nicht unbedingt moralischer Natur sein – auch wenn sie es häufig sind -, sie können auch auf professioneller oder persönlicher Ebene bestehen, z.B. die Art, wie man seinen Beruf ansieht oder was man als Grundlage des eigenen Umgangs mit Menschen betrachtet. Das muss nicht ein genuin moralischer Wert sein, der den Umgang mit Menschen betrifft, sondern kann auch ganz anders gestaltet sein: Welche Rolle spielt das “Verstellen”? Wo beginnt “Verstellen” und wo hört es auf, wenn man mit unterschiedlichen Menschen interagiert? Wie weit stellt man sich auf andere Menschen ein? Das sind auch sehr pragmatische Fragen.

Interessant bei der Zuschreibung Freund ist aber auch, dass es ein fluides Gefüge von Faktoren ist, die zusammenspielen. Ich sprach davon, dass gemeinsame Interessen eine Rolle spielen und eine bestimmte Geisteshaltung. Dabei ist jedoch kein Leitfaden möglich, dass es mehrere Interessen sein müssen oder dass die Geisteshaltung essentiell ist. Es kann sein, dass man nur ein Interesse teilt, weil die zufällige Lebensführung diese so hervorgebracht hat, aber die Geisteshaltung überwiegt in der Freundschaft und kann interessenübergreifend wirken. Dagegen kann ein bestimmter Grad von Freundschaft auch durch mehrere Interessen, trotz unterschiedlicher Geisteshaltung, erreicht werden, solange einige Werte geteilt werden, z.B. den anderen nicht verändern zu wollen, weil er anders ist.; ihn nicht von der Richtigkeit der eigenen Vorstellungen überzeugen zu wollen.

Nun noch zu der Frage: Kann es online überhaupt Freunde geben?

Ich halte es für absolut möglich, Freundschaften aufzubauen, die online begonnen werden und vielleicht auch nur online weitergeführt werden. Für viele scheint die realweltliche Komponente ebenfalls eine Rolle zu spielen, d.h. dass man die Menschen körperlich treffen muss und erst dann von einer Freundschaft sprechen könne. Einerseits könne man sie als Menschen erst dann richtig einschätzen, andererseits gibt es das Argument, man könne sich vorher gar nicht sicher sein, ob tatsächlich ein Mensch hinter den Zeilen, hinter Blog-Einträgen oder hinter dem Profil bei Online-Netzwerken stehe. Ich denke: Das ist epistemologisch überhaupt nicht wichtig. Zunächst kann man durch Konsistenz und Kohärenz der Kommunikation sowie durch zusätzliche Kanäle wie ein Video-Telefonat eine gewisse Sicherheit erlangen, dass auf der anderen Seite tatsächlich ein Mensch agiert. Zudem lassen sich Großteile der Einschätzung eines Menschen durchaus online gewinnen, wenn man eine tatsächliche Kommunikation pflegt.

Als Beispiel, ein Kritikpunkt, der geäußert wird: Mit vielen so genannten Online-Freunden teile man ja lediglich lustige Bildchen oder Videos, Musik, mal einen einstündigen Chat oder andere, eher flüchtige Sachen. Gegenbeispiel: Teilt man nicht auch mit Personen, die man offline trifft durchaus mal Banalitäten oder (vermeintlich) Oberflächliches? Sascha Lobo argumentiert dafür, dass diese Banalitäten für die Funktionstüchtigkeit der Kommunikationskanäle von Wichtigkeit sind, was ich durchaus ebenfalls so sehe. Ich bin nicht unbedingt der Mensch für Smalltalk, doch hin und wieder ist das auch ok. Zudem bezeichne ich Online- sowie Offline-Kontakte, mit denen ich außer den weniger tiefgehenden Interaktionen wenig teile, nicht als Freunde, sondern als Bekannte. Sollte ich einen Online-Kontakt als Freund bezeichnen, ist sie/er schon viel stärker in mein soziales Umfeld gedrängt, ich habe mit ihr/ihm diskutiert und tiefergehende Gedanken ausgetauscht. So scheint es mir auch sinnvoll.

Abschließen möchte ich mit einem Plädoyer, das so originell doch nicht mehr ist: Eine Trennung zwischen Online- und Offline-Welt mag begrifflich noch zu machen sein, da die Kanäle und die Art der Kommunikation nicht immer die gleichen sind. Doch eine Beschreibung anderer Personen als Bekannte, Freunde oder gar enge Freunde hängt nicht von dem Kanal ab, sondern von der Berührung, die sie/er auf das Leben ausübt.


2 comments »

  1. Ich habe einen simplen Grund, wieso ich dich als einen Freund sehe. Wir teilen unser Inneres miteinander. Ein Bereich, der in meinem Kosmos nur sehr begrenzt zug

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